Die Wahlbeobachter : "Von wegen Spitzendemokratie"

Das TV-Duell war gar kein richtiges Duell, findet unsere Wahlbeobachterin María Prieto-Vázquez. Die entscheidenden Antworten haben gefehlt, sagt die Spanierin.
© Andreas Prost

Ich hatte auf einen spannenden Streit gehofft und dann das: Angela Merkel und Peer Steinbrück haben einfach ihre Programme runtergespult. Ich bin enttäuscht, weil wir in Spanien die deutsche Demokratie eigentlich für "spitzenklasse" halten – davon habe ich gestern aber nichts gemerkt. Das Duell war langweilig, überhaupt nicht authentisch und hat keine Antworten auf die wichtigen Fragen geliefert. Was wird aus Griechenland, was passiert mit dem Euro? Große Fragen, auf die beide Kandidaten keine klaren Antworten hatten.

Gut fand ich, dass Peer Steinbrück immer wieder auf die sozialen Themen zu sprechen kam: Mietpreisbremse, Mindestlohn und Rente. Das sind die Themen, die auch mich bewegen. Hier hat er mehr Ideen und kluge Ansätze gebracht als Angela Merkel. Trotzdem fehlt es ihm an Charisma. Manchmal fällt es mir schwer, ihm zu folgen. Er macht lange Sätze und verwendet viele Fremdwörter, das wirkt schnell arrogant. Und dann seine Ironie: Die versteht bestimmt nicht jeder Zuschauer.

Angela Merkel finde ich sympathischer. Sie war gestern viel mehr Kanzlerin als Kandidatin: ruhig, souverän und entschlossen. Sie hat die Wähler direkt angesprochen: "Liebe Wähler, Sie kennen mich…", das schafft Vertrauen. Mich hat beeindruckt, wie sie sich mit ihren Redebeiträgen gegen Steinbrück und die Journalisten durchgesetzt hat. Dabei hätte sie manchmal präziser antworten können. Für mich ist sie trotzdem die klare Siegerin des Duells.

Spannend war für mich, die Beiträge in den sozialen Netzwerken während des Duells zu verfolgen. Ich bin seit eineinhalb Jahren in Deutschland und bisher hatte ich nicht das Gefühl, dass die Deutschen besonders twitter- und facebook-affin sind. Aber gestern haben so viele Leute dort kommentiert und diskutiert, das fand ich super. Unglaublich, wie schnell Merkels "Deutschlandkette" ein Hashtag hatte und auf twitter besprochen wurde.

Auch wenn viele Leute das Duell gesehen haben, glaube ich nicht, dass es einen großen Einfluss auf die Wahl haben wird. Es sind immerhin noch knapp drei Wochen, in der Politik ist das eine lange Zeit. Das ist gut für Merkel, es wird ihren Vorsprung nicht gefährden. Für Peer Steinbrück hingegen wäre ein Termin näher an der Wahl wohl besser gewesen. Vielleicht hat er sich aber auch bewusst gegen einen späteren Termin entschieden. Er hat ja ein Talent, manchmal tollpatschig zu sein. In einem TV-Duell käme ein großer Ausrutscher sicher nicht gut an.

Viele spanische Medien berichten heute über das TV-Duell. Die Wahl in Deutschland ist für uns sehr wichtig. Besonders die Europafragen bewegen uns natürlich. Steinbrück hat ja gesagt, dass Europa eine Haftungsunion ist und für die schwächeren Staaten einstehen muss. Auch wenn er nicht klar gesagt hat, wie das genau aussehen soll, hat er damit bei den spanischen Kommentatoren gepunktet.

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Kommentare

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das ist leider

bei vielen Journalisten in der BRD so. Immer Regierungstreu und Systemliebend.
Und die mal gedachte Demokratie mit kritischen Journalisten geht immer mehr den Bach runter! Denn Kritik an unseren etablierten Parteien, egal ob Regierung oder Opposition, kann schnell mal zur Arbeitslosigkeit führen - und das mögen eigentlich gut bezahlte Journalisten natürlich überhaupt nicht.