Vor dem TV-DuellLernen von Stoiber und Steinmeier

Steinbrück chancenlos? Von wegen! Die bisherigen TV-Duelle folgten anderen Regeln. Der Blick zurück zeigt, welche Fehler der SPD-Kandidat vermeiden sollte. von 

Peer Steinbrück ist keinesfalls chancenlos an diesem Sonntagabend. Natürlich: Er ist weitaus unbeliebter als die Kanzlerin, sein Wahlkampf läuft unglücklich, die Umfragen sind mies. Kein Wunder, dass die Erwartungen denkbar gering sind. Allein schon deshalb wird er das TV-Duell vermutlich nicht als großer Verlierer verlassen.

Der Blick in die noch junge Geschichte der TV-Duelle zeigt: Alle Herausforderer galten vor dem Duell im direkten Vergleich als klar unterlegen, als weniger kompetent und weniger populär. Dennoch schlugen sich Frank-Walter Steinmeier (2009), Angela Merkel (2005) und Edmund Stoiber (2002) ganz ordentlich, besser als erwartet.

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Die Kanzler haben mehr zu verlieren. Bestenfalls werden sie ihrer Favoritenrolle gerecht. Angela Merkel ist ohnehin kein Fan dieses Formats. Sie vermeidet am liebsten jede öffentliche Konfrontation und ist auch sonst, ganz anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder, keine Politikerin, die aufblüht, sobald die Kameralampe leuchtet. Schon 2009 ging sie als klare Favoritin ins Duell gegen ihren Vizekanzler Steinmeier. Aber dann begann sie merkwürdig fahrig und defensiv. Sie wirkte müde, ihre Sätze klangen auswendig gelernt (Video).

Auch Steinmeier war nicht berauschend. Aber immerhin trat er konzentriert und unerwartet selbstbewusst auf, sodass er später in den Umfragen dazu, wer das Duell gewonnen habe, sogar leicht vorn lag. Schon in ihrem ersten TV-Duell 2005 hatte Merkel nicht geglänzt, damals noch als Oppositionsführerin (Video). Kanzler Gerhard Schröder war souveräner, schneller und witziger – und er behandelte Merkel ein wenig von oben herab. Sie aber ließ sich davon nicht beeindrucken. Mit fester Stimme hielt sie Schröder dessen gebrochene Wahlversprechen und schlechten Konjunkturdaten vor. Danach wurde sie anerkennend als "relative Siegerin" bezeichnet, da sie dem Kanzler immerhin "auf Augenhöhe" begegnet sei.

Kein Duell hatte einen klaren Sieger

Selbst Edmund Stoiber schlug sich 2002 nicht so schlecht, wie von der Union nach einigen peinlichen TV-Auftritten befürchtet (Video). Stoiber hatte sich intensiv vorbereitet und an seinen Schwächen gearbeitet. Er sprach ruhig, meist präzise, verhaspelte sich selten, verzichtete auf Schachtelsätze. Schröder dagegen hatte sich auf seine Medienerfahrung verlassen und wirkte etwas unvorbereitet, was man ihm SPD-intern bald vorhielt.

Einen klaren Sieger hatte keines der bisherigen Duelle. In der Regel gewinnen beide. Der Kampf um die Deutungshoheit beginnt inzwischen schon während des Duells im Internet und wird in den sich anschließenden Talkshows weiter ausgefochten. Die Generalsekretäre preisen ihre Kandidaten getreu der These, dass wichtiger als das Duell selbst dessen öffentliche Bewertung ist. In den Ad-hoc-Umfragen lagen die Duellanten meist relativ nahe beieinander. Die Sozialdemokraten stets knapp vorn. "Unerwartet dünner Sieg", hieß das dann zu Schröders Zeiten in den Schlagzeilen.   

Das Unpolitische ist wichtig

Alle bisherigen Duelle zeigten auch, wie wichtig das Unpolitische ist. Um die Inhalte geht es in der Rezeption danach meist weniger, sondern zunächst vielmehr um den Gesamteindruck, den die Kandidaten hinterlassen. Auch um Oberflächliches (Dauerbrenner: Krawattenfarbe) und um Persönliches. Schröders Liebesbekenntnis zu seiner Ehefrau verfing hinterher ebenso wie Merkels Bekenntnis im gleichen Duell, "das Produkt" von Ostdeutschland und ihren Eltern zu sein. Insofern wäre dem Duellanten Steinbrück der ein oder andere wirkungsvolle sentimentale Satz durchaus anzuraten.

Leserkommentare
  1. >> Alle bisherigen Duelle zeigten auch, wie wichtig das Unpolitische ist. <<

    ... Duelle zeigten, wie wichtig das Unwichtige genommen wird. Es geht nicht um Streusel.

    12 Leserempfehlungen
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    en kläffen kann.

    der wahlomat ist ein sehr neutrales mittel um die eigene richtung auf dem wahlzettel herauszufinden, auch wenn sie manchmal überraschend ist.

    recht

  2. Es geht also um den "Gesamteindruck, den die Kandidaten hinterlassen. Auch um Oberflächliches (Dauerbrenner: Krawattenfarbe)."
    [...]
    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/jk

    3 Leserempfehlungen
    • vyras
    • 01. September 2013 15:06 Uhr

    ... herumträgt, ist meiner Ansicht nach die fehlende Glaubwürdigkeit seiner politischen Positionen. Er will einen Mindestlohn, die Werkverträge begrenzen, das Gemeinwesen stärken.

    Das sind ja vernünftige Aussagen, aber der potenzielle Wähler fragt sich: Warum fallen der SPD klar definierte Forderungen in dieser Richtung erst ein halbes Jahr vor der Wahl ein?

    In den vielen Jahren zuvor hat die SPD vieles mitgetragen, manches sogar selber eingeführt, und bis auf ritualisierte Proteste gegen die Regierungspolitik war wenig zu hören. Man hatte sich "arrangiert". Und nun plötzlich präsentiert sich die SPD als DieLinken" light?

    Unglaubwürdig.

    10 Leserempfehlungen
  3. er hat sich vier Jahre nicht ausreichend auf die Kandidatschaft vorbereitet.

    Er hat die letzten vier Jahre Bücher geschrieben, er hat vor laufenden Kameras gesagt das er sich den Posten nicht vorstellen kann und hat Vorträge gehalten mit utopischen Gagen.

    Seine Vergangenheit in NRW hat er nicht glaubhaft aufgearbeitet und der/die Koalitionspartner Grüne (evtl. die Linke) passen nicht zu ihm. Gabriel / Nahles hat ihn den Weg zur Ampel (mit der FDP) versperrt.

    Das Thema Syrien aufzugreifen wäre verlogen! Selbst die Grünen sind seit Wochen und Monaten pro einen Einsatz das hat Frau "Börek, Sonne, Mond und Sterne" Roth selbst im TV bestätigt.

    Wie die SPD drauf kommen kann überhaupt jemanden von der NRW SPD aufzustellen grenzt an politischen Selbstmord, auch in Zukunft den Frau Kraft ist völlig überbewertet durch den Medien (mehrere Verfassungsbrüche, keine Lösungen für das Land und konsequente Unterstützung der Grünen Verbotspolitik).

    Wer heute noch auf die Leier reinfällt mehr Geld für Bildung und Infrastruktur durch höhere Steuern dem ist auch nicht mehr zu helfen. In jedem Bundesland wo die SPD an die Macht gekommen ist wurde zuerst der Beamten Apparat vor der Haustür aufgebläht, die Grundsteuer erhöht und Ideologie Politik gemacht (bestes Beispiel NRW mit staatlichen Islam Unterricht genehmigt durch "Vereine" die sich gegenseitig nicht riechen können).

    Themen die den "kleinen Mann" und den ArbeiterIn beschäftigen interessieren die SPD schon lange nicht mehr.

    4 Leserempfehlungen
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    Antwort:

    Dein Artikel passt wie die Faust aufs Auge.

    • adicon
    • 01. September 2013 15:08 Uhr

    Der Inhalt zählt, nicht die Verpackung. Die Zuschauer können sich selbst ein Bild machen, sie sind mündig genug. Mutmaßungen, ohne erkennbare Argumente, sind keine guten Wegweisungen. Der SPD-Kandidat bedarf sicher keiner derartigen Ratschläge, Artikelzitat:
    "" Der Blick zurück zeigt, welche Fehler der SPD-Kandidat vermeiden sollte. "" Es geht nicht um Gewinner oder Verlierer:
    die Erörterungen heute Abend liefern Wahlentscheidungshilfen für den
    22. 09. 2013.
    Daraus werden Schlüsse gezogen, nicht aus solchen Publikationen.

    2 Leserempfehlungen
  4. das tv-duell ist der finale höhepunkt einer mediengerechten inszenierung von demokratie, bei der am ende die marktkonforme charaktermaske gewinnt die sich besser verkaufen kann.
    man könnte über dieses format, über die politische klasse die sich über dieses format vermarken muss, über den zustand der postpolitischen gesellschaft, deren hohle rituale, shows und inszenierungen , lachen, wenn das alles nicht so furchtbar traurig wäre und einem am ende selbst betreffen würde.

    16 Leserempfehlungen
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    Das alles ist nur billiges Spektakel. Und was mich an meisten ärgert ist, dass die Linkspartei, wohlgemerkt die einzig verbliebene Oppositionspartei, sich so hemmungslos bei diesem Medienklimbim mit-prostituiert. Das ist der eigentliche Skandal!

    können halt nun einmal einer marktkonformen Demokratie mehr abgewinnen, als einer funktionärsgeleiteten Planwirtschaft. Das kann nicht funktionieren, hat nie funktioniert und wird nie funktionieren. Wie auch?
    Für die Linke ist dies ein großes Glück. Sie kann unter den Segnungen eines marktwirtschaftlich erzielten Wohlstands wunderbar gegen diesen stänkern, ohne jemals in die Gefahr zu geraten, für ihre Illusion auch gerade stehen zu müssen. Das Experiment DDR ging ja bekanntermaßen gründlich daneben. Einige SED-Funktionäre bei den Linken, sind aber in einer Art Altersstarrsinn bis heute nicht in der Lage, dieses Scheitern zu akzeptieren.

    • vyras
    • 01. September 2013 15:38 Uhr

    "das tv-duell ist der finale höhepunkt einer mediengerechten inszenierung von demokratie, bei der am ende die marktkonforme charaktermaske gewinnt ...."

    Der Sender "phoenix" hat die beiden Kandidaten getrennt jeweils eine Stunde befragt, die Sendungen liefen heute. Wo fanden diese Gespräche statt? In der "Hauptstadtrepräsentanz" der Deutschen Bank in Berlin.

    Erst nach heftigen Protesten der Organisation "foodwatch" lenkte phoenix etwas ein und versprach, das Logo des Unternehmens nicht ins Bild zu bringen und sich auch die Verkostung nicht von der Deutschen Bank bezahlen zu lassen, wie es ursprünglich vorgesehen war.

    Sie hätten die Gespräche in einem Audimax stattfinden lassen können, oder in einer Volkshochschule, in einem Altenheim oder in irgend einem Gymnasium. Aber dass sich die Bewerber um den Posten des deutschen Regierungschefs unter das Dach der Deutschen Bank begeben, und sich von dieser bewirten lassen, das ist ein politisches Signal an uns alle, wer das Sagen hat.

  5. Bei vier weiteren Mitwirkenden kommen die Kandidaten ja doch zu wenig zu Wort.

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    >> Bei vier weiteren Mitwirkenden kommen die Kandidaten ja doch zu wenig zu Wort. <<

    ... komplett egal. Die Exegeten haben ihre Deutungen sowieso längst in der Schublade.

  6. Das alles ist nur billiges Spektakel. Und was mich an meisten ärgert ist, dass die Linkspartei, wohlgemerkt die einzig verbliebene Oppositionspartei, sich so hemmungslos bei diesem Medienklimbim mit-prostituiert. Das ist der eigentliche Skandal!

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "spektakel"
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    Wer ist denn heute Abend dabei, Kipping, Wagenknecht, Gysi?

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