Serie WahlempfehlungenVier gute Gründe für die Grünen

Die Ökopartei ist etwas aus der Mode gekommen. Wählen sollte man sie trotzdem. Schließlich ist die ganze Republik inzwischen ergrünt. Teil 3 unseres Parteienchecks von 

Viele sind unsicher, wen sie am 22. September wählen sollen. Dabei ist das doch gar nicht so schwer. Für alle Parteien gibt es schließlich gute Gründe. Ludwig Greven hat sie in einer Serie zusammengetragen. Heute: Was für die Grünen spricht. Bereits erschienen: Fünf gute Gründe für die CDU und Fünf gute Gründe für die SPD

Die Grünen sind die erfolgreichste Partei

Mit nur 10,7 Prozent der Stimmen bei der letzten Bundestagswahl haben sie als kleinste Oppositionskraft den endgültigen Atomausstieg durchgesetzt. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima konnte Schwarz-Gelb nicht mehr anders, als der urgrünen Forderung zu folgen. Obwohl sie nur sieben Jahre im Bund mitregierten, haben sie Deutschland die Ökosteuer beschert und das Erneuerbare-Energien-Gesetz, Windräder und Solardächer allerorten, das Dosenpfand und eine konsequente Mülltrennung, die doppelte Staatsbürgerschaft, die Homoehe, viele neue Radwege und die Frauenquoten.

Selbst eine Kanzlerin gäbe es ohne die starken Frauen der einstigen Bewegungspartei wahrscheinlich nicht. Inzwischen sind auch alle anderen Parteien irgendwie ergrünt. Da wäre es gemein, wenn nun das Original von den Wählern verschmäht würde, nur weil es sich scheinbar überflüssig gemacht hat.

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Zu viel Fleisch ist ungesund

Das haben uns schon unsere Mütter eingebläut. Und die wussten auch sonst meist besser, was gut für uns ist, oder sie meinten zumindest, es zu wissen. Die Nachfolger der einstigen APO haben diesen matriarchalischen Gestus von ihnen übernommen. Und so lenken die Grünen uns heute mit sanfter Hand und strengem Blick auf den Weg tugendhafter, umweltgerechter und sozial verträglicher Lebensführung: mindestens ein Veggie Day pro Woche, Ökosprit in den Tank, Kaffee aus fairem Anbau, mehr Abgaben fürs Gemeinwohl. Eine bessere Welt ist möglich.

Was wollen die Grünen?

Sie möchten nach acht Jahren Opposition wieder mitregieren, an der Seite der SPD, obwohl die sie nicht immer gut behandelt hat. Rot-Rot-Grün wären die Grünen ebenfalls nicht abgeneigt.

Was versprechen die Grünen?

Den Anteil der erneuerbaren Energien wollen sie bis 2020 verdoppeln. Ausnahmen für die Industrie sollen dabei um vier Milliarden Euro reduziert werden. Die Grünen fordern wie die SPD einen Mindestlohn von 8,50 pro Stunde, gleichen Lohn für Leiharbeiter und Frauen, eine Bürgerversicherung, ein Ende der Massentierhaltung und eine befristete Vermögensabgabe zum Abbau der Staatsschulden. Der Spitzensteuersatz soll ab einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro auf 49 Prozent steigen, gleichzeitig wollen die Grünen die unteren Einkommen entlasten. Das Betreuungsgeld wollen sie ebenso wie das Ehegattensplitting abschaffen, die Homoehe mit Adoptionsrecht einführen und das Wahlalter auf 16 Jahre senken.

Risiken und Nebenwirkungen

Wer die Grünen wählt, muss damit rechnen, dass sie wieder in der Opposition landen – oder mit der CDU oder der Linkspartei koalieren. Für Trittin und die alte Führungsriege der Partei wäre das so oder so vermutlich die letzte Chance, noch einmal an die Macht zu kommen. Denn für Rot-Grün dürfte es nach den Umfragen nicht reichen.

Die Ergrünung der Politik und des Alltags mögen bisweilen nerven. Aber sie schafft ein gutes Gewissen. Und die Belehrungen unserer Mütter haben uns ja schließlich auch nicht geschadet.

Ohne Grüne machen die anderen nur Dummheiten

Gäbe es die Ökopartei nicht, wäre die Republik mit Atomkraftwerken zugepflastert. Die Frauen übernähmen nicht überall die Macht. Deutschland wäre noch immer kein Einwanderungsland. Die Bundeswehr wäre nicht in den Kosovo-Krieg gezogen. Und Joschka Fischer wäre kein geachteter Elder Statesman. Ohne die Grünen hätte Gerhard Schröder wahrscheinlich auch nicht die Agenda 2010 auf den Weg gebracht, die alte Sozialstaatspartei SPD wäre dazu allein gar nicht fähig gewesen. 

Weshalb sollten sie daher jetzt nicht auch Angela Merkel und die Union in einem möglichen schwarz-grünen Bündnis zu einer nachhaltigeren Politik bewegen können, wenn es für eine Neuauflage von Rot-Grün vermutlich nicht reicht?

Wen sollen die Gutsituierten und Ex-Hausbesetzer sonst wählen?

Die Grünen sind die deutsche Wohlfühlpartei. Gutsituierte Bürger und vor allem Bürgerinnen haben sie lieben gelernt. Sie fahren ihre Kinder mit dem Hybrid-SUV zur Waldorf-Schule, kaufen auf dem Heimweg im Bioladen ein und machen natürlich ihr Kreuz ökologisch korrekt. Genauso fühlen sich die VeteranInnen die Anti-Atom-, Friedens-, Hausbesetzer- und Frauenbewegung und deren Kinder bei ihnen zu Hause. Sollen die alle politisch heimatlos werden? Und sollen die Ehefrauen von Ärzten, Anwälten und Unternehmern wieder FDP wählen wie ihre Männer? 

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Leserkommentare
  1. ihre Poltik bewegt Deutschland - sei es Solarförderung, Automaustieg oder EEG - ob gut oder schlecht steht auf einem anderen Blatt... aber auf jeden Fall besser als das derzeitige Nichtstun.. was sag ich derzeitig... das 7 jährige...

    15 Leserempfehlungen
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    die Grünen.

    Der letzte Abschnitt beschreibt die Grünen wohl bestens. Mit dem Ferrari ins Reformhaus ist irgendwie einfach nicht sexy , zumal: wenn man den kleinen Mann ,als dessen Anwalt man sich gebärdet innerlich zu tiefst verachtet.

    Herr Greven hat hier aber mal einen sinnvoll-peppigen Artikel geschrieben.

    Bereits im ersten Abschnitt sind einige Gegenargumente. Dosenpfand!!! Soviel Plastik wie diese Maßnahme hervor gebracht hat, gabs nie im Getränke markt. Mülltrennung!!! Die deutsche zwangsneurose, zum gewissen beruhigen. Technisch wäre es wohl deutlich einfacher den Müll zu trennen. Und den atomausstieg haben doch die schwarzen durchgesetzt oder!? Radwege für noch mehr kampfradler! Wie wäre es mal mit der genialen idee des kostenlosen Nahverkehrs? DAS wäre mal grün! PS: ich hab nix gegen die grünen, aber eine neue Ausrichtung und andere Prioritäten können nicht schaden.

  2. wieder FDP wählen wie ihre Männer? JA

    Vor allem, wenn es keine besseren Argumente gibt, die GRÜNEN zu wählen.

    Ganz nebenbei vermutet ich, dass die auch nicht mehr die GRÜNEN wählen; denn diese besserwisserische Oberlehrer-Partei hat ihre Hauptwählerschaft zunehmend im öffentlichen Dienst.

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    • Infamia
    • 13. September 2013 15:13 Uhr

    "Ganz nebenbei vermutet ich, dass die auch nicht mehr die GRÜNEN wählen; denn diese besserwisserische Oberlehrer-Partei hat ihre Hauptwählerschaft zunehmend im öffentlichen Dienst."

    Unwahres wird nicht wahrer, indem man es immer wiederholt. Ich lese dieses Gerücht von Ihnen in schöner Regelmäßigkeit. Welchen Zweck hat es, eine Unwahrheit immer und immer wieder zu formulieren? In meinem Bekannten, Freundes und Verwandtenkreis gibt es viele Grünwähler. Nicht einer ist im öffentlichen Dienst beschäftigt.

    Geben Sie doch einfach mal eine belegbare Quelle für Ihre steile These an. Wenn, dann bitte mit Fakten und nicht aus der holen Hand geschossen, weil Öffentlicher Dienst so schön piefig und abgesichert klingt.

    "wieder FDP wählen wie ihre Männer? JA. Vor allem, wenn es keine besseren Argumente gibt, "

    Wie sind denn Ihre Argumente für die FDP?
    Dass sie nichts von dem durchgesetzt haben, was sie angekündigt haben?
    Dass sie ganze einfach 4 Jahre nur eins getan haben: NICHTS?!

    • Rutland
    • 13. September 2013 15:16 Uhr

    ohne unsere Vorurteile.

    "diese besserwisserische Oberlehrer-Partei hat ihre Hauptwählerschaft zunehmend im öffentlichen Dienst."

    Und wenn ich genau hinschaue, dann, man ahnt es schon... mein Gott, Walter!

    Frauen, die Aufsichtsräte werden wollen.
    Ohne diesen Quotensexismus und insgesamt etwas liberaler und freiheitsliebender ausgerichtet wären die Grünen meine Partei.

    • Machia
    • 13. September 2013 15:05 Uhr

    nur die Grünen sind für eine großzügigere Handhabung mit den syrischen Kriegsflüchtlingen.

    3 Leserempfehlungen
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    • SvendT
    • 13. September 2013 16:18 Uhr

    ... aber ich vermisse die Selbstverpflichtung der jeweiligen GrünIn, dass sie jeweils eine syrische Familie in ihrer Wahlkreiswohnung einquartieren. Vollpension und Krankenversicherung inklusive natürlich.

    • Atan
    • 13. September 2013 16:22 Uhr

    es so wie Trittin zu fordern: Familienzusammenführung macht man einfach, ohne groß anzukündigen. Gewisse Themen sind einfach nicht wahlkampffähig, soviel menschlichen Anstand gibt es hoffentlich in allen Parteien, dass die jetzigen syrischen Flüchtlinge ihre Familien nachholen dürfen.

  3. etwas zu vermelden hatten:

    - Praxisgebühr,
    - Bundeswehr in aller Welt,
    - Vize-Weltmeister bei Rüstungsexporten,
    - Soziale Ausgrenzung durch Hartz IV & Agenda 2010,
    - 32 weitere Jahre für AKW's,
    - Senkung des Spitzensteuersatzes der Einkommenssteuer von 53% auf 42%,
    - ...

    SO sieht Grüne Politik aus? Danke, aber NEIN Danke (siehe CDU/CSU, SPD)

    13 Leserempfehlungen
  4. Wenn man meint Zaubertrank getrunken zu haben, sehen die Dinge für die Grünen vielleicht so aus, wie hier beschrieben. Aber in der entsprechenden Geschichte begnügt sich dann der Krieger mit einem kleineren Steinchen um seine Superkraft zu demonstrieren. Die " Siege" der Grünen sind gemessen an den eigentlich notwendigen "grünen" Veränderungen im Lande bescheiden. Besonders peinlich, wenn man lange mit an der Regierung war und es nicht schaffte, AKWs abzuschalten. Dann aber erleben musste, wie einfach solch ein Schritt für die CDU zu sein schien. Mit grüner Vorbereitung zugegeben. Vollkommen "ungrün" finde ich die Familienpolitik der Partei, die Familien weiter auseinander treibt.

    5 Leserempfehlungen
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    " Besonders peinlich, wenn man lange mit an der Regierung war und es nicht schaffte, AKWs abzuschalten. Dann aber erleben musste, wie einfach solch ein Schritt für die CDU zu sein schien."

    Das ist ja an Zynismus und Heuchelei kaum mehr zu übertreffen. Rot/Grün war am Ende ihrer Regierungsperiode auf einem guten Weg in Richtung einer geordneten Energiewende inklusive schrittweisem Atomenergieabbau.

    Bekanntlich wurden diese Pläne aus Richtung der CDU/CSU torpediert und letztlich rückgängig gemacht - bis zum Umkippen nach Fukushima, als mit einer schlecht geplanten - und übrigens allseits kritisierten - Hauruck-Aktion der Atomausstieg von heute auf morgen erzwungen wurde, ungeachtet aller Notwendigkeiten und möglichen Folgen.

    Den Grünen also vorzuwerfen, dass ihr Atomausstieg vorsichtig und gut geplant verlaufen wäre, ist - gelinde gesagt - eine Frechheit.

    Sie haben sicherlich recht, ich habe etwas überzogen. Aber letztendlich zählt nur wer Entwürfe durchsetzt und damit Geschichte schreibt, egal auf wessen M... die Sache gereift ist. Politik hat sich immer schon dadurch profiliert, im entscheidenden Moment mit Instinkt und Fingerspitzengefühl die Gunst der Stunde wahrzunehmen, im Guten wie im Schlechten. Gewollt und kurz davor und überhaupt Urheber gewesen zu sein, zählt dann nicht so sehr. Sorry.

  5. trifft es auf den Punkt und unter den Achseln den letzten Amnesty International Report und darunter schön eingewickelt, dass es niemand sieht, das Wall Street Journal Europe.

    9 Leserempfehlungen
    • Tubus
    • 13. September 2013 15:11 Uhr

    "Die Grünen sind die deutsche Wohlfühlpartei. Gutsituierte Bürger und vor allem Bürgerinnen haben sie lieben gelernt. Sie fahren ihre Kinder mit dem Hybrid-SUV zur Waldorf-Schule, kaufen auf dem Heimweg im Bioladen ein und machen natürlich ihr Kreuz ökologisch korrekt."

    Korrekte Beschreibung! Aber wohl kein Argument diese Inkarnation deutschen Spießertums zu wählen?

    10 Leserempfehlungen
  6. daß alle Gründe, die Grünen zu wählen die der Autor hier zusammengekratzt hat, in der Vergangenheit liegen...???

    Herr Greven, hier geht es um die Zukunft Deutschlands!

    Welche Gründe sprechen dafür, daß die Grünen diese demokratisch, gerecht, Bürgerfreundlich, klug und umsichtig gegenüber all den weltpolitischen Veränderungen gegenüber, denen wir zur Zeit und in den letzten Jahren ausgesetzt sind bzw. waren, gestalten können?

    Und werden?

    Die Grünen waren in den Achzigern und Neunzigern eine wichtige Partei, die tatsächlich die Bundesrepublik positiv verändert haben.
    Ich habe sie damals voller Überzeugung gewählt, und empfinde das auch heute noch als richtig.

    Heute kann und werde ich sie nicht wählen!

    13 Leserempfehlungen
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    ...sind sie der einzige, dem nicht aufgefallen ist, dass die Grünen die letzen 8 Jahre nicht an der Regierung waren. Schliesslich geht es hier um Dinge, die aktiv durchgesetzt wurden, was eine Regierungsbeteiligung voraussetzt...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Grüne | SPD | Angela Merkel | CDU | FDP | Gerhard Schröder
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