ZEIT-ONLINE-Wahlistik : SPD im Aufwind?

Seit dem TV-Duell ist die SPD vermeintlich im Aufschwung. Doch die ZEIT-ONLINE-Wahlistik zeigt: Die Wahrscheinlichkeit für Rot-Grün oder Rot-Rot-Grün ist nicht gestiegen.

Die vergangene Woche lief nicht übel für die SPD. Seit dem TV-Duell wird der Partei und vor allem ihrem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück ein gewisser Aufschwung bescheinigt – zumindest in vielen Medien.

Doch hat das TV-Duell tatsächlich die Wahlprognosen verändert? Haben sich die statistischen Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Koalitionen verschoben? Eine Woche nach dem Duell lässt sich das ziemlich genau sagen. Denn inzwischen haben alle vier Umfrage-Institute, die der ZEIT-ONLINE-Wahlistik zugrunde liegen, nach dem TV-Duell neue Werte veröffentlicht.

Die ZEIT-ONLINE-Wahlistik übersetzt die bekannten Umfragen der Institute –  allesamt Einzelwerte für die Parteien – in Koalitionswerte: Welche Koalition könnte derzeit mit welcher Wahrscheinlichkeit mit einer Sitzmehrheit im Bundestag rechnen? Ein Wert von 0 steht dann für "nahezu unmöglich" und ein Wert von 100 für "nahezu sicher".

Lässt sich also aus den Daten so etwas wie ein Aufschwung für die SPD erkennen?

Das Antwort heißt: Ja, aber er fällt sehr klein aus. Die rechnerische Wahrscheinlichkeit für Schwarz-Gelb ist weiterhin groß. Sie liegt derzeit bei knapp 70 Prozent, ziemlich genau auf dem Wert Ende August – und weit höher als den ganzen Juli über. Nur Anfang September gab es kurzzeitig noch höhere Werte für Schwarz-Gelb.

Eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent für Schwarz-Gelb – das ist so, als würde man in einer Urne mit zehn Kugeln, von denen sieben schwarz sind, eine schwarze erwischen müssen.

Das mag auf den ersten Blick erstaunen, immerhin scheint doch der Abstand zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Rot-Grün gar nicht groß zu sein, wenn man die Umfragewerte der einzelnen Parteien einfach addiert: Dann kommt man für Schwarz-Gelb auf 45,6 und Rot-Rot-Grün auf 44,1 Prozent der Stimmen. Ein Unterschied von 1,5 Prozentpunkten. Es erscheint wie ein Klacks. Aber es ist mehr.  

Warum ist das so? Es zeigt sich die Tücke der Wahrscheinlichkeitsrechnung: Mit Addition von Einzelwerten kommt man nicht weit. Nur weil zwei Summenwerte "recht eng" beieinander liegen, heißt das noch lange nicht, dass es ungefähr 50:50 zwischen den beiden Koalitionsoptionen steht.

Denn Schwarz-Gelb hätte nach derzeitigem Stand nur dann keine Chance, wenn CDU oder FDP deutlich unter den prognostizierten Umfragewerten landen würden – oder beide zusammen wenigstens signifikant darunter.  Dafür aber ist die Wahrscheinlichkeit, auch wegen der recht großen Stichprobe der Umfrage, recht klein.

Es steht also nicht 50:50 zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Rot-Grün, sondern 69:28 (die fehlenden Prozentpunkte stehen übrigens für eine Patt-Situation). Ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist das nicht.

Unterstellt man außerdem, dass mindestens auch nur jeder hundertste CDU-Anhänger die FDP wählt, um sie über die 5-Prozent-Hürde zu heben, wächst die Wahrscheinlichkeit für Schwarz-Gelb sogar sprunghaft auf knapp 88 Prozent. Dann liegen in der oben erwähnten Urne nur noch neun Kugeln und acht davon sind schwarz.

Es sieht derzeit so aus, als habe Schwarz-Gelb ziemlich sicher die Mehrheit, wenn die FDP nur in den Bundestag kommt. Eine Wechselstimmung verkünden die neuen Umfragen jedenfalls ganz sicher nicht: Rot-Grün ist weiterhin so gut wie unmöglich. Und auch Rot-Rot-Grün, vor dem die Kanzlerin warnt und das die SPD ausschließt, ist derzeit recht rechnerisch eher unwahrscheinlich. Außerdem kämen, wenn Schwarz-Gelb nicht die Mehrheit hätte, noch ganz andere, politisch wahrscheinlichere Koalitionen in Betracht: die Große Koalition oder Schwarz-Grün zum Beispiel.

Die SPD muss, wenn sich die Umfragewerte weiter nicht verbessern, wohl am ehesten darauf hoffen, dass die Umfragen diesmal besonders schlecht sind. Die Qualität der Befragungen zieht die Wahlisitik nicht in Zweifel – sie übersetzt die Umfragewerte nur in eine besser lesbare Form.

Wie verlässlich also sind die Wahlumfragen? Bei den letzten Bundestagswahlen lagen die Institute immer recht gut. Die SPD wurde durch die Institute kaum unterschätzt. Eine grobe Falschprognose gab es bei den vergangenen vier Bundestagswahlen jedoch und sie betraf die CDU: die wurde 2005 von den Instituten als deutlich zu hoch eingestuft. Das Wahlergebnis fiel 6,5 Prozentpunkte niedriger aus als die mittlere Prognose.

Ein solch grober Fehler würde auch bei dieser Wahl vieles verändern. Die CDU wäre zwar immer noch die stärkste Partei, aber Schwarz-Gelb wäre wohl dahin.

Derzeit muss die SPD wohl auf die Wiederholung eines solchen Prognosefehlers hoffen.

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ich frage mich...

...was am Ende die noch immer Unentschlossenen bewirken werden. Ich hatte mich im Grunde schon vor einigen Wochen entschieden, schwanke aber nun doch wieder und gehöre somit dazu. Doch das hat nichts mit den Auftritten der Kandidaten zu tun als vielmehr mit der Freischaltung des Wahl-O-Mats. Nach Beantworten der Fragen kam ein erstaunliches Ergebnis heraus: Die Partei, die ich wählen wollte, landete abgeschlagen auf Rang 23 von 28 mit gerade einmal rd. 60% Übereinstimmung...viele extremistische oder populistische Parteien lagen drumherum (MLPD, NPD, REP, pro Deutschl., AfD und ganz am Schluss die Partei d. Vernunft).

Warten wir es also ab, ob diese Rechenspielchen am Ende überhaupt in irgendeiner Weise relevant sind. ich persönlich schätze die Wahrscheinlichkeit einer Rot-Rot-Grünen Koalition als durchaus signifikant ein und höher als knapp 30%. Ich gehe davon aus, dass die SPD diese Chance in dem Moment ergreifen wird, sobald diese rechnerisch wirklich möglich wird. Unabhängig davon, wie ich persönlich dazu stehe.

Übrigens...der klare "Gewinner" der Wahl-O-Mat-Umfrage war bei mir die BIG mit rd. 84% Übereinstimmung, gefolgt auf dem Silberplatz von den Piraten mit 80% und auf Bronze die ÖDP mit 78%.

Na ja...so viel zur Aussagekraft von Statistiken und Befragungen. Denn sogar die MLPD als "beste" radikale Partei auf Rang 22 erreichte bei mir 63% Übereinstimmung, und auf der Rechtsaußen-Seite die "beste" immerhin ebenfalls 56% (Rang 24, NPD).