Die Deutschen wählen aber komisch. Wenn ein Amerikaner wählt, will er, dass seine Partei gewinnt, deswegen wählt er ja auch die Partei, die er will. Und siehe da: Nach der Wahl wissen mindestens 51 Prozent der Amerikaner, dass ihre Partei auch gewonnen hat. Das ist simple Mathematik.

Wenn ein Deutscher wählt, kalkuliert er mit gehobener Wahrscheinlichkeitsrechnung: "Ich will, dass die SPD gewinnt, also wähle ich die Grünen, damit sie koalieren können", und am Ende kommt genau das dabei raus, was niemand wollte: eine Große Koalition, zum Beispiel.

Mit meinen Freunden diskutiere ich oft, welches System besser ist: ein Zweiparteiensystem wie in Amerika, wo eine Partei immer gewinnt und allein die Regierung stellt, oder ein Koalitionssystem wie in Deutschland, wo niemand weiß, wem seine Stimme am Ende nützt? Die Debatte endet meist unentschieden, doch oft erstaunen mich die Argumente meiner Freunde. Zum Beispiel die Vorstellung, das ein Koalitionssystem, in dem mehr Parteien zur Auswahl stehen, auch "mehr" Demokratie biete. Ist eine Frau, die demnächst Zwillinge zur Welt bringt, im Vergleich zu einer Frau, die nur ein Einzelkind erwartet, "schwangerer"? 

Tea-Party-Bewegung ist genial vorgegangen

Ich finde die fragilen europäischen Koalitionssysteme faszinierend, aber als Ami frage ich mich, warum ihre Instabilität niemanden stört. Dass Koalitionen leicht zerbrechen, sah man schon öfter in der deutschen Geschichte, zum Beispiel 1982, als die FDP mitten in der Amtszeit aus der Koalition mit der SPD austrat und damit der CDU die Macht schenkte – einfach so. Dabei hatte die FDP nur 10,6 Prozent der Wählerstimmen gehabt: Eine Minderheitenpartei hat allein entschieden, wer regiert, und die Wähler hatten in der Sache nichts zu melden.

Ein weiteres Argument für das Koalitionssystem lautet, dass es neue Parteien möglich mache und damit die Erneuerung der politischen Landschaft insgesamt.

In Amerika haben neue Parteien in der Tat keine Chance. Auch wir haben zwar eine Green Party und eine Pirate Party, aber jeder Wähler weiß, dass eine Stimme an sie eine verschenkte Stimme ist. Also kommen sie auch nie richtig zu Potte. Da lobe ich mir das Koalitionssystem, in dem neue Parteien jederzeit an die Macht kommen können.

Das heißt, ich lobte mir das System, bis ich die Tea Party kennenlernte.

Egal, was man von ihren Inhalten hält, kann man nicht genug betonen, wie genial die Tea-Party-Bewegung vorgegangen ist – eben, weil es keine Partei, sondern nur eine "Bewegung" war. Als Partei hätte sie nämlich keine Chance gehabt, an die Macht zu kommen. Als eine Bewegung innerhalb der Republican Party aber schon: Da hat sie die Politik Amerikas auf Jahrzehnte geprägt.

Inzwischen frage ich mich, was passiert wäre, wenn die AfD sich nicht als eigene Partei gegründet, sondern nur als Bewegung innerhalb der CDU/CSU agiert hätte. Viele konservative Wähler hegen ja durchaus Sympathien für den Anti-Euro-Kurs der kleinen Partei. Nur, sie würden sie nie wählen, denn diese Stimme ginge der CDU/CSU verloren.

Stellen Sie sich vor, die Anführer der AfD, anstatt eine eigene Partei zu gründen und sich großzügig als Parteichefs auszurufen, hätten kontinuierlich folgenden Aufruf verbreitet: "Leute, werdet Mitglieder in der CDU/CSU, geht zu jeder Veranstaltung und sprecht euch lautstark gegen den Euro aus, verteilt dort Flugblätter, holt euch Alliierte und Geldgeber für unsere Sache, geht allen gehörig auf die Nerven, bis die Parteiführung keine Wahl hat, als gegen den Euro umzuschwenken."