Geht es nach der Bundesregierung, so ist Deutschland das solidarischste Land Europas: Kein EU-Mitglied nehme mehr Flüchtlinge auf, betont Innenminister Hans-Peter Friedrich bei mittlerweile fast jeder Gelegenheit. Mehr Engagement in der europäischen Flüchtlingspolitik könne deshalb von Deutschland nicht verlangt werden. Auf eine Million Einwohner kämen in Deutschland etwa 950 Asylbewerber, in Italien seien es lediglich 260. "Das zeigt, dass die Erzählungen, dass Italien überlastet ist mit Flüchtlingen, nicht stimmen", sagt Friedrich. 

Doch stimmt das? Wie aussagekräftig sind die Zahlenvergleiche des Innenministers?

Richtig ist, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten die meisten Asylanträge eingereicht wurden. Im vergangenen Jahr waren es laut dem UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) mehr als 65.000 Erstanträge. Aber nur in absoluten Zahlen stimmt die Aussage des Innenministeriums, Deutschland habe die meisten Asylbewerber. Auf die Einwohnerzahlen des jeweiligen Landes umgerechnet, sieht das Ranking anders aus: Da liegen Länder wie Schweden, Belgien, Malta oder Luxemburg weit vor Deutschland.   

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Gleichzeitig bedeutet eine hohe Anzahl an Anträgen keineswegs, dass all diese Personen tatsächlich als Asylberechtigte aufgenommen werden – wie die Aussage des Innenministeriums suggeriert. In Deutschland wurden vergangenes Jahr mehr als zwei Drittel (71 Prozent) aller bearbeiteten Anträge abgelehnt. Insgesamt wurden fast 9.000 Personen als Flüchtlinge anerkannt, weitere 8.500 erhielten subsidiären Schutz oder humanitären Rechtsschutz (siehe Infobox).

Hierbei ist Italien solidarischer als Deutschland: Abgesehen von 2012, als überdurchschnittlich viele Asylanträge abgelehnt wurden, liegt in Italien die Schutzquote, also der Anteil aller bewilligten Asylanträge, im Schnitt bei ungefähr 50 Prozent. In Deutschland lag sie im Jahr 2012 bei knapp 30 Prozent. Laut Pro Asyl werden etwa hier ein Viertel aller Asylanträge gar nicht inhaltlich geprüft. Zum Beispiel deshalb, weil ein anderer europäischer Staat nach der Dublin-II-Regelung für den betreffenden Flüchtling zuständig ist (siehe Infobox unter "Dublin-Fälle").

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Flüchtlingsorganisationen kritisieren das Zahlenspiel des Innenministeriums aus einem weiteren Grund: Der Vergleich von Asylantragszahlen hinkt, sagt etwa Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. "Viele Flüchtlinge vermeiden es, in Italien einen Asylantrag zu stellen, weil ihnen dort die Obdachlosigkeit droht. In Griechenland haben sie überhaupt keine Chance, einen Antrag zu stellen. Deshalb versuchen viele, direkt in einem Land wie Deutschland oder Schweden einen Antrag zu stellen."  Sie reisen dazu – meist illegal – von Italien oder Griechenland in den Norden weiter. Laut Burkhardt ist das eine Erklärung dafür, warum die absolute Zahl der Asylanträge in Deutschland so viel höher ist als in Italien.