Eine Roma-Familie in Bulgarien © Stoyan Nenov/Reuters

Migrationsängste haben Konjunktur im vermeintlichen Paradies in der Mitte Europas. Neben den "Armutswanderern" aus Bulgarien und Rumänien richten sie sich nach den jüngsten Katastrophen vor Lampedusa wieder verstärkt gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge und gegen Asylbewerber vornehmlich aus Afrika, aber auch aus anderen Regionen der Welt.  

Opfer werden dabei zu Tätern abgestempelt: Menschen, die wirtschaftlicher Not, Krieg und Unterdrückung in ihren Heimatländern entfliehen wollten, verwandeln sich in den Augen vieler Deutscher und anderer Mitteleuropäer zu einer Bedrohung ihres eigenen Wohlstandes und der Sozialsysteme.
Übersehen wird, dass es für Migranten, die aus existenziellen Gründen nach Europa drängen, oft nur die Alternative Flucht oder Verelendung gibt. Und vergessen wird meist auch, dass es all das auch in der deutschen Geschichte massenhaft gab.

Sie waren oft so arm, dass sie ihre Tickets nicht bezahlen konnten. Viele verkauften dafür im frühen 19. Jahrhundert auf Zeit Ihre Arbeitskraft, vermittelt von Kapitänen und Agenten – heute würde man sie Schlepper nennen.Viele der Millionen von Deutschen, die im überseeischen Massenexodus des 19. Jahrhunderts ihr Heil in der Neuen Welt suchten, würden heute in der  Schublade "Wirtschaftsflüchtlinge" landen. Sie waren oft so arm, dass sie ihre Tickets nicht bezahlen konnten. Viele verkauften deshalb ihre Arbeitskraft, vermitteltet von Kapitänen und Agenten – heute würde man sie Schlepper nennen.

Ausländische Wanderarbeiter aus Polen und Russland schufteten bis ins 20. Jahrhundert auf den Landgütern im preußischen Osten. Sie wurden dringend benötigt, zugleich aber als Einwanderer gefürchtet, weshalb man sie jährlich jeweils nur für begrenzte Zeit einreisen ließ.

Eine neue millionenfache Einwanderungswelle gab es nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende der europäischen Teilung 1989/90. Dazu kamen Flüchtlinge vom Balkan als Folge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Beides weckte neue Ängste vor einer Masseninvasion, die sich im Streit um das Asylrecht entluden. 

Urangst vor der Masseneinwanderung

Ähnlich ist es auch heute bei den oft menschenfeindlichen Aufwallungen gegen "Wirtschaftsflüchtlinge" und "Armutswanderer" aus  Afrika genauso wie aus Rumänien oder Bulgarien. Die Ankunft einer jungen Migrantenelite von gut- bis hochqualifizierten Zuwanderern aus den Krisenstaaten im Süden Europas hingegen wurde vor kurzem noch gefeiert, als Bereicherung für das aus demographischen Gründen schrumpfenden Arbeitskräfteangebot in Deutschland.  

Jetzt aber geht wieder die Urangst vor der europäischen Ost-West-Migration und der außereuropäischen Süd-Nord-Wanderung um. Zu erleben war die Ost-West-Angst schon einmal, als Polen im Zuge der Osterweiterung 2004 in die EU kam. Auch damals befürchteten viele eine Masseneinwanderung polnischer Billigarbeiter. Als die siebenjährige Sperrfrist am Arbeitsmarkt in Deutschland im Mai 2011 endete, entpuppten sich die Ängste als weit übertrieben. An ihre Stelle trat das Bild der freundlichen polnischen Altenpflegerin, die jetzt auch legal kommen durfte.