Das Ergebnis der entscheidenden Abstimmung kam als Tweet. Um 15.33 Uhr schickte Sprecher Michael Schroeren eine Kurznachricht aus der internen Sitzung der grünen Bundestagsfraktion: Katrin Göring-Eckardt sei soeben zur neuen weiblichen Vorsitzenden gewählt worden. Mit 41 Stimmen, nur 20 Abgeordnete wählten Göring-Eckardts Konkurrentin Kerstin Andreae, zwei enthielten sich.

Das war sie also, die so dramatisch beschworene und vergeblich zu verhindern versuchte "Kampfabstimmung" der beiden Frauen um den Fraktionskovorsitz.

Die Wirtschaftspolitikerin Andreae konnte sich nicht durchsetzen. Sie hatte sich nach dem enttäuschenden Ergebnis der Bundestagswahl für eine deutliche Öffnung der Grünen zur Wirtschaft ausgesprochen und Korrekturen an den ambitionierten Steuerbeschlüssen der Partei verlangt. Mit einem Drittel der Stimmen der Fraktion erzielte sie aber einen Achtungserfolg. "Ich bin nicht enttäuscht", sagte Andreae später. Sie wolle weiterhin eine "führende Rolle" in der Fraktion spielen, vor allem, was die Wirtschaftspolitik betreffe. Das lässt sich auch als freundliche Kampfansage an die neugewählte Fraktionschefin verstehen.

Andreae und Göring-Eckardt gehören dem Realo-Flügel der Grünen an. Den Statuten und Parteitraditionen nach wird der Grünen-Fraktionsvorsitz stets geteilt und doppelt besetzt: Zum Beispiel mit einer Realaó-Frau und einem Linken-Mann, so war es in den vergangenen Jahren mit Renate Künast und Jürgen Trittin. Gewählt werden die Fraktionsvorsitzenden allerdings nicht nur von den Flügeln, sondern von allen Abgeordneten: Deshalb konnte Göring-Eckardt, die im Wahlkampf ihr soziales Profil betonte, im ersten "Frauen-Wahlgang" auch auf Stimmen der eher linken Abgeordneten setzen. Im Gegensatz zu ihrer Konkurrentin, der manche vorwerfen, sie sei neoliberal und irgendwie nicht wirklich grün. Toni Hofreiter hatte als Kandidat der Linken keinen Gegenkandidaten. Er wurde später mit 49 von 63 Stimmen zum zweiten Vorsitzenden gewählt.

Eine neu erblühte Karriere

Als neue Doppelspitze werden die bisherige EKD-Vertreterin Katrin Göring-Eckardt und der Biologe Anton Hofreiter bereits am Donnerstag die Sondierungsgespräche mit der Union für die Grünen führen– unterstützt von den beiden Parteichefs und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Während Hofreiter vor den Kameras noch ein wenig schüchtern wirkt, gilt Göring-Eckardt nun als die Erfahrene, die Bewährte unter den Neuen. 

Sie sprach nach ihrer Wahl von einem personellen "Neuanfang" in der Fraktion. Das stimmt höchstens zur Hälfte, denn Göring-Eckardt ist seit 1998 im Bundestag und war auch schon einmal Fraktionsvorsitzende: 2005 wurde sie nach dem Ausscheiden der Grünen aus der Regierung abgesetzt. Acht Jahre später sieht Göring-Eckardt die erneute Wahl zur Fraktionschefin als konsequente Fortsetzung ihrer vor gut einem Jahr neu erblühten Politikkarriere. Damals wurde die Thüringerin überraschend in einem Mitgliederentscheid neben Jürgen Trittin zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gekürt. Was waren das noch für Zeiten: Die Grünen standen in den Umfragen bei 13 bis 15 Prozent und wähnten sich vor einem erfolgsversprechenden Wahlkampf, an dessen Ende sie eine rot-grüne Regierung oder zumindest deutlich mehr Abgeordnete im Parlament erwarten konnten. Es kam ganz anders.

Doch Göring-Eckardt denkt nicht daran, für den verkorksten Steuer-und Veggie-Day-Wahlkampf selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie räumte in den vergangenen Tagen Fehler ein. Beiseite zu treten, so wie Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth es getan haben, kam aber für sie nicht in Frage. Göring-Eckardt hat das nach dem Wahlabend schnell klar gemacht und damit auf das ungeschriebene Gesetz gepocht, dass ein gescheiterter Spitzenkandidat auch Fraktionsvorsitzender einer Oppositionspartei werden kann. 

Ihren eigenen Parteiflügel hat die 47-Jährige damit in großen Teilen verärgert. Die Realos werfen Göring-Eckardt vor, Trittins als viel zu links empfundenen Bundestagswahlkampf nichts entgegengesetzt zu haben. Realo-Strategen erinnern daran, dass Göring-Eckardt beim Mitgliederentscheid um die Spitzenkandidaten als Alternative für eine Öffnung in die Mitte der Gesellschaft, in bürgerliche Schichten, ausgemacht worden sei. Im Wahlkampf sei sie dann aber als "Sozialtante" und "Mutter Theresa" aufgetreten und habe eigentlich nur die geplanten Steuererhöhungen ihrer Partei mit Umverteilungsargumenten verteidigt.