Einmal im Jahr treffen sich kluge Menschen in edlem Ambiente und versuchen, einen Begriff zu retten. Seit 2007 lädt die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung zur Rede der Freiheit: Ein Intellektueller umschreibt das, worauf sich die Politiker im Publikum berufen: den Liberalismus.

Diese Reden helfen, zu verstehen, warum und wie den Deutschen der Liberalismus, also die Lehre von der Freiheit, abhandengekommen ist. Die Honoratioren toben und schimpfen (Journalist Gabor Steingart), sie machen das Wort Liberalismus weich (Karl Kardinal Lehmann) und dann wieder hart (Expolitiker Wolfgang Clement), sie laden es auf mit historischer (Publizist Heinrich-August Winkler) oder ideengeschichtlicher Wucht (Philosoph Peter Sloterdijk), sie witzeln (Komiker Vince Ebert). Sie bewerfen es mit Adjektiven und Zuschreibungen, sie vergrößern oder verkleinern es. Am Ende der Lektüre bleibt ein Eindruck zurück: Liberalismus meint irgendwie alles und irgendwie nichts.

Der Liberalismus hat ganz eindeutig ein Definitions- und Selbstbehauptungsproblem. Das ist noch nicht einmal die Schuld der FDP. Es ist im Begriff selbst angelegt. 

Was Liberalismus nicht ist

Denn der Liberalismus hat kein endgültiges Ziel. Er malt sich nicht aus, was die Menschen denn am Ende mit ihrer Freiheit anfangen. Er hat also keinen Punkt am ideologischen Horizont, an dem er sich festhalten, auf den er zusteuern kann. Sein Kompass ist abstrakter und muss ständig neu justiert werden. Der Liberalismus ist "vollkommen nichtutopisch", schreibt die politische Philosophin Judith N. Shklar, er geht stattdessen von einem einzigen, moralischen Impuls aus: der Furcht vor "institutionalisierter Grausamkeit". Folter, Gewalt, Freiheitseinschränkungen aller Art, die eine mächtige Institution (meist der Staat) gegen Einzelne ausübt. Shklar spricht deshalb vom "Liberalismus der Furcht". Das ist eine wunderbar allgemeingültige und emotionale Definition von Liberalismus.  

Shklars so betiteltes Essay ist schon 1989 im Original erschienen und es ist ein glücklicher Zufall, dass es ausgerechnet jetzt auch auf Deutsch veröffentlicht wurde. Jetzt, nachdem die FDP aus dem Bundestag geflogen ist und damit die große Frage zurückbleibt:  Wer verkörpert nun den Liberalismus? Und was ist (moderner) Liberalismus überhaupt?

Shklar sagt in ihrem Büchlein seitenlang, was der Liberalismus nicht ist. Er sei keine Ideologie der Bildungsenthusiasten, die mit John Stuart Mill darauf hoffen, dass Bildungseinrichtungen irgendwann einmal Politik und Regierung ersetzen könnten. Nach dem Motto: Wenn der Mensch erst weit genug entwickelt ist, braucht er keine Herrschaft mehr. 

Der Liberalismus sei auch nicht Bruder der Wissenschaft, denn die "strebt nach Veränderung, während der Liberalismus keine spezifische Auffassung von Tradition an sich vertreten muss", so Shklar. Dass Liberale lange gemeinsam mit den Wissenschaften kämpften, habe nur daran gelegen, dass sie einen gemeinsamen Feind hatten: die übergriffige Kirche.

Der Liberalismus definiert sich bislang also vor allem über das, was er ablehnt und zu verhindern sucht. Der Liberale ist Spielverderber ideologischer Masterpläne. Das ist gemeint, wenn die FDP die eigene Bedeutung als "Korrektiv" beschwört.