Vor dem Jahr, das jetzt kommt, hat Michael Kellner ein bisschen Manschetten. Der künftige Politische Geschäftsführer der Grünen sieht seine ohnehin geschwächte Partei vor einer harten Bewährungsprobe. In Thüringen, Sachsen und Brandenburg werden Landtage gewählt, und in allen drei Ländern könnten die Grünen unter die Fünfprozenthürde rutschen. Der 36-jährige Kellner kommt selbst aus dem thüringischen Gera, dem Landesverband der neuen Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Ob die Partei, die sich Bündnis 90/Die Grünen nennt, eine gesamtdeutsche Partei sein kann, hängt auch davon ab, ob sie in diesen drei Ländern bestehen kann.

Am Samstag wird Michael Kellner auf dem Grünen-Parteitag in Berlin zum Nachfolger von Steffi Lemke gewählt werden. Der Stil der bisherigen Politischen Geschäftsführerin, die auch für den Wahlkampf verantwortlich war, galt vielen in der Partei als zu rigide, zentralistisch und zahlenfixiert. Von Michael Kellner, der auch zum linken Flügel der Grünen gehört, versprechen sich auch Realos einen diskussionsfreudigeren Stil.

Aus seiner Biografie tritt einem eine gewisse Abenteuerlust entgegen. Von der Mutter auf Montagsdemos mitgenommen, ging der Politikstudent mit 18 Jahren das erste Mal ins Ausland. In einem Kibbuz im Golan lebte er monatelang mit Jugendlichen aus aller Welt zusammen, lernte in Hebron aber auch die palästinensische Seite der israelischen Lebenswirklichkeit kennen. Ein Jahr später lebte er in Kairo, wo er an einem Uniprojekt über den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag arbeitete. Ein Fulbright-Stipendium verhalf ihm zu einem Studienaufenthalt in den USA.

Beinahe trat er bei den Grünen wieder aus

Bei den Grünen ist er 1997 eingetreten – und im darauffolgenden Jahr fast wieder aus: Der berühmte Bielefelder Parteitag, auf dem Joschka Fischer erfolgreich für den Einsatz im Kosovo warb, auf dem der Farbbeutel flog und die wütenden Friedensdemonstranten vor der Tür standen, war Kellners erste Begegnung mit grünen Flügelkämpfen. Als Pazifist war auch er strikt gegen den Einsatz, aber die Bereitschaft der Grünen, miteinander in den Clinch zu gehen, die gefiel ihm. Er ist heute Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Frieden und Internationale Politik.

Kellner, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin lebt, hat lange Jahre in Brandenburg grüne Kommunalpolitik gemacht. Fahrradwege durch Sanssouci, Erhalt des Holländischen Viertels – es hat ihn begeistert, wie viel "Bürgersinn" in Potsdam zu mobilisieren war. Aber er wollte immer an der zentralen Botschaft der Grünen basteln. Als langjähriger Büroleiter von Claudia Roth, Mitglied im Wahlkampfstab 2005 und 2009 hat er die Partei kennengelernt und ist sicher: "Wir sind mehr als die Summe der beiden Flügel." Wenn man ihn fragt, wie sich die Grünen künftig in der Opposition von der Linkspartei abheben wollen, spricht Kellner von grüner "Liberalität". Aber hatte es nicht genau daran zuletzt schmerzlich gemangelt?

"Zu viel Inhalt, zu wenig Botschaft"

Kellner glaubt, im Wahlkampf seien die Grünen zu technokratisch aufgetreten. "Die Energiewende, das ist doch eigentlich ein emotionales Thema", sagt er, "das ist überhaupt nicht mehr rübergekommen. Zu viel Inhalt, zu wenig Botschaft!" Es fällt ihm dann selbst allerdings auch nicht leicht, rhetorisch Leben in die Bude zu bringen. "Wir benötigen mehr Ressourcen in der Botschaftsentwicklung und mehr Räume und Prozesse, um unsere Kommunikation zu schärfen und zu reflektieren" – ob die grüne Selbstdarstellung wirklich an zu wenig "Ressourcen" gescheitert ist?

Gemeinsam mit Parteifreunden vom linken Flügel betreut Michael Kellner die Website Grün.Links.Denken, auf der Diskussionsbeiträge zu den Themen stehen, die bei den Grünen strittig sind: Wo unterscheidet sich grüne Sozialpolitik von der sozialdemokratischen? Was heißt Verteilungsgerechtigkeit? Wo beginnt staatlicher Paternalismus? Der Realo-Flügel der Partei hat seit einigen Jahren auf diese Art von Diskussion praktisch völlig verzichtet. Auch damit erklären sich viele die politische Schieflage, in der die Partei jetzt steckt. Kellner findet überraschenderweise allerdings, dass es jetzt schon bald genug sein sollte mit der Manöverkritik. "Lasst uns jetzt nicht in Selbstbeschäftigung versinken", fordert er, als hätten die Grünen nicht etliche Grundsatzfragen zu klären. Man stünde vor erheblichen Herausforderungen. Eine sei die AfD, "eine europafeindliche und rechtspopulistische Partei". Blick nach vorne, die Reihen gegen den Feind fest geschlossen – ist es nicht genau diese Haltung gewesen, die seine Partei zuletzt in einen Lagerwahlkampf gezwungen hat?