Er gilt als ihre rechte Hand. Fleißig, loyal, seit Jahren an der Seite der Kanzlerin. Ronald Pofalla, Chef des Bundeskanzleramts und Koordinator für die Geheimdienste, ist einer der wichtigsten Mitarbeiter von Angela Merkel. Seit dem Sommer steht der sonst so Unsichtbare in der Kritik: Spätestens nachdem er die NSA-Affäre ausgerechnet auf ihrem damaligen Höhepunkt kurzerhand für beendet erklärte, ist der 54-Jährige für viele unglaubwürdig geworden.

Kritik und Spott haben mit der Enthüllung, dass offenbar auch das Handy von Pofallas Chefin durch die NSA überwacht wurde, nun einen neuen, schwerwiegenden Anlass bekommen. Welche Rolle spielte der Kanzleramtsminister in der NSA-Affäre? Wusste er schon lange mehr als er öffentlich sagte oder war er völlig ahnungslos?

Das eine wäre ein Skandal, das andere mehr als peinlich. Und beide Interpretationsmöglichkeiten sind gefährlich für Pofalla, der mit einem Ministeramt in der künftigen Großen Koalition liebäugeln soll.

Wenn der Kanzleramtschef und damit auch die Kanzlerin seit Monaten davon wussten und verschwiegen, dass Merkels Handy abgehört wurde, so wäre dies mehr als brisant. Bisher gibt es dafür vage Indizien, aber keinen belastbaren Hinweis. Indiz ist, dass das betroffene Kanzler-Handy offenbar seit Sommer abgeschaltet ist. Zur gleichen Zeit machte der Whistleblower Edward Snowden zahlreiche NSA-Dokumente für Journalisten zugänglich.  

Der Bundestagswahlkampf ging vor

Dem Vernehmen nach soll das Kanzleramt aber völlig überrascht worden sein, als der Spiegel dort vor wenigen Tagen Ergebnisse einer Recherche zu Merkels Handy vorlegte. Daher gehen viele von Möglichkeit zwei aus: Pofalla und Innenminister Hans-Peter Friedrich ließen sich im Sommer von den dürren Erklärungen der Amerikaner, die US-Geheimdienste hielten sich in Deutschland an deutsche Gesetze, abspeisen. Auch die deutschen Geheimdienste wussten oder berichteten demnach nichts von massenhafter Überwachung der Bevölkerung und der offenbar direkten Abschöpfung der Kommunikation der Kanzlerin. Also erklärte der Kanzleramtsminister nach einer Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Sommer, die Affäre sei – nunja –  zu Ende

Doch wer, wenn nicht der Geheimdienstkoordinator hätte sich um weitere Aufklärung bemühen müssen – auch im Sinne seiner eigenen Chefin? Die CDU versuchte allerdings hauptsächlich, das leidige Thema im langsam anlaufenden Bundestagswahlkampf klein zu halten – mit Erfolg. Vor dem 22.9 war die NSA-Affäre kein großes Thema mehr.

PofallasLoyalität gegenüber der CDU-Wahlkämpferin Merkel und sein ungeschicktes Krisenmanagement könnten jetzt seine weitere politische Karriere gefährden. Schon im Sommer war der Kanzleramtschef massiv unter Druck geraten. Als die ersten Berichte zur NSA-Affäre aufpoppten, war der Geheimdienstkoordinator zunächst verschwunden. Es stellte sich heraus, dass er noch im Urlaub weilte.

Seine Auftritte enthielten dann die ein oder andere unglückliche Formulierung. Doch damals war für Pofalla hilfreich, dass eine potenzielle milliardenfache Überwachung von Kommunikationsvorgängen wenig greifbar ist. Pofalla konnte auf tatsächlich bestehende Abkommen zur Kooperation der Geheimdienste (BND-NSA) verweisen, die einen Teil der Datenabschöpfung erklärte, und sich sonst darauf zurückziehen, dass die USA ihm doch versichert hätten, in Deutschland würden deutsche Datenschutzgesetze eingehalten. "Es gibt in Deutschland keine millionenfache Grundrechtsverletzung", sagte er am 16. August.