Ausgerechnet der "schwarze Sheriff" geht voran. Volker Bouffier war einer der letzten echten Konservativen in der Union, ein Gefolgsmann von Roland Koch, dem erklärten Todfeind der Grünen. Ausgerechnet dieser Bouffier wagt in Hessen nun die erste schwarz-grüne Koalition in einem Flächenland.

Die Welt hat sich gedreht, auch im einst "roten", dann tiefschwarzen Hessen. Das liegt nicht zuletzt am komplizierten Ergebnis der Landtagswahl. Vor vier Jahren plakatierte die hessische CDU noch: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!" Andrea Ypsilanti, die mit ihrer SPD, den Grünen und der Linken ein rot-rot-grünes Bündnis bilden wollte, ist längst unrühmliche Geschichte. Und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir, der sie damals zu ihrem Wortbruch ermunterte, ist nun Bouffiers Duzfreund.

Von Liebe zwischen den beiden Parteien kann natürlich trotzdem keine Rede sein. Dass die CDU nach wochenlangen Sondierungsgesprächen aller Parteien über alle nur denkbaren Konstellationen nun mit den Grünen verhandeln will, hat viel mehr mit den Verschiebungen zu tun, die sich im gesamten deutschen Parteiensystem seit der Bundestags- und Hessenwahl am 22. September ergeben haben.

Die CDU hat ihren Partner FDP im Bund verloren, in Hessen reicht es für beide Parteien ebenfalls nicht mehr zum Regieren. Auch den Grünen fehlen die Machtoptionen. Sie haben ihre Hoffnungen begraben müssen, mit der SPD wieder die Macht zu erobern. Im Bund waren die dauerkriselnden Sozialdemokraten zu schwach, in Hessen die Grünen selbst. Es bleibt also kaum etwas anderes als Schwarz-Grün.

Ein solcher Test in Hessen, nach dem gescheiterten Probelauf in Hamburg von 2008 bis 2010, kommt den Bundesspitzen beider Parteien gelegen. Das Land war einst schon Vorreiter mit der ersten rot-grünen Koalition auf Landesebene. Gelingt das Experiment, wäre Schwarz-Grün endgültig eine realistische Option auch auf Bundesebene, spätestens 2017. Schließlich hatten beide Parteien bei den Sondierungsgesprächen in Berlin erstaunt festgestellt, dass sie nicht mehr die tiefen Gräben von einst trennen.

Wenn in Hessen die Grünen am Samstag Ja zu Schwarz-Grün sagen, wäre das vor allem für die SPD ein Rückschlag, und zwar in ganz Deutschland. Denn nachdem es vor Kurzem noch so aussah, als ob der CDU nur noch eine Große Koalitionen bliebe,  in Berlin wie in Wiesbaden, um weiter regieren zu können, während sich die SPD alle Möglichkeiten einschließlich Rot-Rot-Grün öffnet, hat sich die Lage jetzt verkehrt. Die Sozialdemokraten geraten unter Druck: Sollte Schwarz-Rot im Bund am Nein der SPD-Mitglieder scheitern, könnte Angela Merkel wieder zu den Grünen umschwenken. Schließlich reut es bei denen schon manchen, dass sie die Tür zur Union in Berlin so schnell zugeworfen haben.

Einige Sorgen mehr für die SPD

Der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümpel hat sich verspekuliert. Erst hatte er als Alternative zur Großen Koalition neben Rot-Rot-Grün auch noch eine rot-grüne Minderheitsregierung ins Spiel bringen lassen. Nachdem die Grünen und die FDP einem solchen Modell eine Absage erteilt hatten, weigerte er sich dann, ein klares Votum für Verhandlungen mit der CDU abzugeben. Stattdessen überließ er ihr die Entscheidung.

Das Ergebnis: Schäfer-Gümbel landet wohl wieder auf der Oppositionsbank. Und in der deutschen Politik scheint plötzlich kaum noch ein Bündnis unmöglich. Rot-Rot-Grün, Schwarz-Grün, Ampel, Jamaika, Große Koalition. Tabus gibt es kaum noch, die Parteienlandschaft war seit Jahren nicht mehr so in Bewegung wie jetzt.