Das Lokal Zum Henker in Berlin-Oberschöneweide ist eine bei Rechtsextremen sehr beliebte Kneipe. Wer den düsteren Schankraum betritt, sieht als erstes einen hölzernen Galgen, an dem eine Schlinge baumelt. Als zweites eine Kunstaxt, an der rote Farbe klebt. Die Wand dahinter ist mit einer riesigen Wikingerszene bemalt. Nebenan hängen Verse der völkischen Antisemitin Mathilde Ludendorff, über dem Tresen ein Emailleschild: "Deutsches Schutzgebiet". Hier hat der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Voigt am Montagmittag die nächste Runde der innerparteilichen Kämpfe eröffnet.

Seit Monaten wird in der Partei – wieder einmal – um die Ausrichtung gestritten. Schwache Wahlergebnisse und chronische Finanznot setzen die gegenwärtige Parteispitze ebenso unter Druck wie neue Parteienkonkurrenz am rechten Rand und das nahende Verbotsverfahren in Karlsruhe

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sprach bereits von einer "sterbenden Partei", doch das ist verfrüht: An etlichen Orten, vor allem im Osten, ist die NPD fest verankert. Und landauf landab gelingt ihr derzeit mit Protesten gegen neue Asylbewerberheime der Anschluss an die gesellschaftliche Mitte. Bei den Wahlen im kommenden Jahr hofft die NPD in Sachsen auf einen Wiedereinzug in den Landtag, bei der Europawahl könnten es ein oder zwei NPD-Leute gar nach Straßburg schaffen – und die Aussicht auf diese lukrativen Posten lässt nun den internen Krach eskalieren.

Neonazi-Jugend findet NPD zu milde

Exakt zwei Jahre ist es her, dass Voigt vom 43-jährigen Holger Apfel gestürzt wurde. Der wollte der ganzen NPD nach sächsischem Vorbild ein weicheres Image geben, wollte die Hitlerverehrung in den Hintergrund und das Bild einer "sozialen Kümmererpartei" in den Vordergrund schieben. Der Plan ging schief, zeitgleich flogen die NSU-Terroristen auf. Unmissverständlich hat die Öffentlichkeit seitdem vor Augen, wohin die rassistische Ideologie der NPD in letzter Konsequenz führt.

Außerdem muss sich die Partei rechter Konkurrenz erwehren. In der Neonazi-Jugendszene erstarken seit Jahren die besonders radikalen Autonomen Nationalisten, von denen viele die NPD als zu milde ablehnen – ihr bricht so ein Gutteil ihres Nachwuchses weg. Zudem gründete der Hamburger Neonazi Christian Worch im letzten Jahr eine Partei namens Die Rechte, mit der er der NPD Anhänger streitig macht. Auch der Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) ist für Apfel ein Problem: Zwar ist die AfD nicht rechtsextrem. Doch wenn Parteichef Bernd Lucke über den Euro polemisiert, angebliche "Entartungen" der Demokratie geißelt und Zuwanderer als "sozialen Bodensatz" bezeichnet, dann grast er im Feld der NPD.

Die Landtagswahlen seit Apfels Amtsantritt endeten durchgängig desaströs, in Bayern war die Partei organisatorisch nicht einmal mehr zum flächendeckenden Wahlantritt in der Lage. Erst bei der Bundestagswahl im September gelang es, den Abwärtstrend zu stoppen – mit 1,3 Prozent (bundesweit 560.000 Stimmen) verlor die NPD nur wenig gegenüber den vorherigen Wahlen, damit bekommt die Partei auch künftig Hunderttausende von Euro pro Jahr aus der staatlichen Parteienfinanzierung.

Entscheidend für die NPD sind die Wahlen im kommenden Jahr: in Sachsen, wo Apfel seit 2004 die Landtagsfraktion führt, außerdem in Thüringen und in Brandenburg, wo die Chancen ebenfalls gut sind. Und offenbar hat die Partei bereits mit der Mobilisierung begonnen. Just in diesen drei Ländern facht die NPD seit Wochen lokale Proteste gegen neue Asylbewerberheime an. Sie gründet Tarn-Bürgerinitiativen oder unterstützt bestehende, deren Facebook-Seiten heißen meist unverfänglich "XY wehrt sich": Zum Beispiel im sächsischen Bautzen und Großenhain, in Rötha und Zschopau. Im benachbarten Thüringen gibt es ähnliche Versuche in Greiz und Beichlingen, in Brandenburg in Pätz, Gransee, Friesack oder Bad Belzig.