Noch heute erinnern sich alle gern an die neuen Nachbarn im Wohnwagendorf: Zwei Männer, eine Frau, zwischen 30 und 40 Jahren. Die drei klopften an die Wagentüren von Familie M. und Familie S., fragten, wer Doppelkopf spielen wolle. Es war Urlaubszeit auf der Ostseeinsel Fehmarn, die Laune war gut, schnell fanden alle zusammen.

Die drei hießen Liese, Max und Gerry und kamen aus Zwickau. Viel mehr erfuhren die Camper nicht über die Miturlauber, doch das genügte, um gemeinsam Spaß zu haben. Bis die Familien im November 2011 erfuhren, wen sie da wirklich kennengelernt hatten: Liese E. war Beate Zschäpe, Max hieß tatsächlich Uwe Mundlos und als Holger "Gerry" G. hatte sich Uwe Böhnhardt vorgestellt.

Drei mutmaßliche Terroristen fuhren in Urlaub, getarnt mit Namen, die sie sich von Unterstützern geliehen hatten. Unter dem Namen des Mitangeklagten Holger G. mietete Böhnhardt einen VW-Bus von dem Betrieb, bei dem er auch Fahrzeuge für die Mordausflüge ins ganze Land lieh. Weil alles so gut klappte, kamen die drei immer wieder: Bis 2011 fuhren sie jeden Sommer auf den Campingplatz Wulfener Hals. Jedes Mal waren auch Karin und Christian M. mit Sohn und Tochter da, jedes Mal Ursula und Wolfgang S. mit den zwei Töchtern. Eine Urlaubsfreundschaft entstand. Heute sagen die zwei Elternpaare als Zeugen im NSU-Prozess aus.

Max schildern alle als den Sportlichen aus der Gruppe, er begeisterte sich fürs Surfen, fürs Segeln und Badmintonspielen, zugleich auch für Computer. Gerry beschreiben die Zeugen als den Handwerker, der schnell etwas im Wohnwagen reparieren konnte. Eine Hierarchie habe es untereinander nicht gegeben, sagen alle Zeugen. "Die waren so ein Team zu dritt", sagt Christian M. Keiner der Nachbarn bezweifelte, dass die Gruppe mehr als Freunde waren – sie nahmen an, alle lebten in verschiedenen Wohnungen.

Leidenschaftlich über alte DDR-Zeiten geredet

Trotz des netten Zusammenlebens gaben die Gäste aus Zwickau ständig Acht, nicht zu viel von sich zu verraten: "Hinterher waren wir überrascht, wie wenig wir tatsächlich wussten", sagt Christian M. Sie sprachen vor allem mit Liese und Max, die "sehr redselig gewesen" seien. Gerry sei hingegen eher "ein Stiller" gewesen.

Leidenschaftlich gaben sie Geschichten vom Leben in der DDR zum Besten – wie man damals einkaufte, wie lange man auf ein Auto warten musste. Max erzählte zudem, dass sein Vater ein Professor für Informatik sei und dass er einen behinderten Bruder habe – für Uwe Mundlos stimmte das tatsächlich. Liese erzählte, sie sei bei ihren Großeltern aufgewachsen. Zschäpe hatte Teile ihrer Kindheit dort verbracht.

Wenn es um die Berufe der drei ging, fassten sie sich kurz: Max arbeitete demnach im Computerladen seiner Eltern, Gerry als Kurierfahrer bei seinem Onkel, Lieses Job blieb unklar. Richter Manfred Götzl will wissen, ob die Urlauber denn nicht genauer nachgefragt hätten. Christian M. fragt sich noch heute: "Wie kann man so naiv sein?" Aber es sei eben Urlaub gewesen, alle hätten abgeschaltet, es ging nicht ins Detail. Die Berichte der Nachbarn klingen nicht böse oder angewidert – so ungläubig sie nach Auffliegen des NSU waren, so sehr haben sie noch das Bild der freundlichen Camper aus dem Sommer vor Augen.