Keine Fernsehdoku über die Hitler-Attentäter des 20. Juli kommt ohne die Filmschnipsel aus, auf denen Roland Freisler, der Chef des "Volksgerichtshofes", die ihrer Hosenträger und Gürtel beraubten adeligen Offiziere anschreit, beschimpft, und schließlich zum Tod verurteilt. Dass er Letzteres mit dem Mord-Paragrafen tat, der auch heute noch Teil des Strafgesetzbuches ist, ist Nichtjuristen bislang meist fremd.

Das ändert sich nun. Schleswig-Holsteins Justizministerin Anke Spoorendonk vom Südschleswigschen Wählerverband, die erste Dänin in einem deutschen Ministeramt, plant eine Bundesratsinitiative zur Neufassung des Mord-Paragrafen. Und dafür sprechen beileibe nicht nur historisch-hygienische Gründe. "Diffus und moralisierend" nennt der Berliner Strafverteidiger Stefan König die "Mordmerkmale", die der 1941 von Freisler selbst novellierte Paragraf 211 als Abgrenzung zum Totschlag aufführt, was "zu vielen praktischen Problemen" führe. Der Strafrechtsausschuss des Deutschen Anwaltvereins, dem König vorsitzt, sei sich deshalb einig: "Dieser Mord-Paragraf muss weg."

70 Jahre lang galt in Deutschland die nüchterne Definition des Reichsstrafgesetzbuches von 1871, nach der Mord "die Tödtung mit Überlegung" sei. Aber seit weiteren 70 Jahren gilt die moralisch-charakterliche Definition des NS-Staates, nach der "Mörder" ist, wer "aus niedrigen Beweggründen" töte. Das Problem beginnt also schon damit, dass Paragraf 211 in seiner seit 1941 geltenden Fassung gar nicht definiert, was ein Mord ist. Stattdessen beschreibt er die Charakteristika eines Mörders: Das sei jemand, der aus Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier und "sonstigen niedrigen Beweggründe" töte. Oder "heimtückisch" oder "grausam". Dahinter steht die Überzeugung, dass die Tat lediglich Symptom des Wesens eines Mörders sei, der als vorgeprägter Tätertyp analog etwa zum "Gewohnheitsverbrecher" oder "Volksschädling" geboren werde. Konsequenterweise wurde der versuchte Mord mit dem vollendeten gleichgesetzt – was Hitler höchstpersönlich als "einen der wichtigsten Sätze" der nationalsozialistischen Strafrechtserneuerung hervorhob.

Die ideologischen Altlasten des Mord-Paragrafen zwingen die bundesdeutsche Rechtsprechung regelmäßig zu unbefriedigenden Verrenkungen. Prominentes Beispiel ist der Prozess gegen Marianne Bachmeier, die im Lübecker Landgericht den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschoss – von hinten. Die unvermeidbare Mordanklage, die große Empörung hervorrief, konnte nur aufgrund einer Hilfskonstruktion fallen gelassen werden: Man unterstellte Bachmeier, die "Heimtücke" ihrer Handlung nicht erkannt zu haben. Gerhard Wolf, Strafrechtlehrer an der Europa-Universität in Frankfurt/Oder, nennt so etwas "rabulistische Tricks" – eines Rechtsstaats "unwürdig".

Heimtücke wählen die Schwachen

Heimtücke ist das Mordmerkmal der Schwachen. Wenn Frauen Männer töten, geschieht das deutlich seltener in offener Konfrontation als in der umgekehrten Konstellation. Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger in Mordverfahren liegt bei rund 15 Prozent, ihr Anteil an Giftmorden ist jedoch fast sechsmal so hoch. Dessen Opfer sind immer "arglos", die Täterinnen also "heimtückisch". Salopp gesagt: Wer körperlich unterlegen ist, muss das Messer nun mal von hinten ansetzen. Schon wieder ist es "Heimtücke" und lebenslänglich  – auch wenn die Täterin eine extreme Leidensgeschichte hinter sich hat.  

Das Bundesverfassungsgericht mahnte daher 1977 die restriktive Auslegung der Mordmerkmale an, um den deutschen Gerichten die Anerkennung mildernder Umstände zu ermöglichen. Ob Täterinnen trotz ihrer "Affinität" zu Heimtücke-Morden dadurch Gerechtigkeit im Strafmaß erfahren, ist empirisch nicht ausreichend erforscht. Rechtsdogmatisch ergibt sich in jedem Fall ein bizarrer Befund, der Juristen Bauchschmerzen macht: Durch höchstrichterliche Entscheidung kann der eindeutige Wortlaut des Mord-Paragrafen umgangen werden – dessen erster Satz  alternativlos verlangt, dass Mord mit lebenslänglich bestraft wird.