So also sieht er aus, der Arbeitsplatz des neuen Hoffnungsträgers der Münchner SPD: In einem geräumigen Büro im sechsten Stock eines Bürogebäudes mit Blick auf die Frauenkirche und Alpenpanorama residiert Dieter Reiter, derzeit noch Münchens Wirtschaftsreferent. In den Regalen stehen neben Büchern wie Die Amtskette des ehemaligen SPD-Chefs Hans-Jochen Vogel auch zahlreiche Oktoberfest-Maßkrüge. Schließlich gehört zu Reiters Aufgabenfeld auch die Leitung des größten Volksfestes der Welt.

Geht es nach den Genossen von der Isar, soll der 55-jährige Diplom-Verwaltungswirt seinen Traumarbeitsplatz mit riesiger Dachterrasse schon bald gegen ein wenig lichtdurchflutetes Büro am Marienplatz eintauschen. Mit 113 von 114 Stimmen machten ihn die Delegierten der Münchner SPD am Donnerstagabend zu ihrem Kandidaten für die Oberbürgermeister-Wahl im März 2014. Nach mehr als zwei Jahrzehnten soll er seinen Parteikollegen Christian Ude an der Rathausspitze ablösen. Die Galionsfigur der Münchner SPD darf altersbedingt nicht mehr antreten.

Noch sind Reiters Popularitätswerte weit von denen des in den Medien gerne als "Bürgerking" titulierten Ude entfernt. Bei zwei Umfragen im April lag Reiter jeweils in etwa gleichauf mit seinem CSU-Herausforderer Josef Schmidt. Seither tourte der SPD-Mann, der privat auch gerne einmal Lederhose trägt, allerdings eifrig durch die Biergärten und Zeitungsredaktionen der Landeshauptstadt. Auch punktete er bei der Bevölkerung, indem er die Zahl der reservierungspflichtigen Plätze auf dem Oktoberfest massiv reduzierte. "Ich bin zuversichtlich, bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit der Wähler hinter mich ich zu bringen", prophezeit er deshalb selbstbewusst. 

Die Münchner Genossen hoffen, mit dem Wirtschaftsexperten vor allem viele Stimmen aus der politischen Mitte zu bekommen. Nicht zufällig wählte die Partei für den Nominierungsparteitag die im Norden Münchens gelegene BMW-Welt aus. "Sie ist architektonisch beeindruckend und zeigt auch exemplarisch den wirtschaftlichen Erfolg unserer Stadt", sagt Reiter. In seiner Vorstellungsrede betonte er gleich mehrmals seine Münchner Abstammung. Hier sei er "dahoam". Denn nirgends sei es so schön wie in der Landeshauptstadt, rief der Vater dreier Kinder den Delegierten zu. Die quittierten seine Rede, in der er vor allem den exorbitant steigenden Mieten den Kampf ansagte, mit lang anhaltendem Beifall und "Dieter, Dieter"-Rufen.

"Intime Kenntnisse der Stadtverwaltung"

Der Sohn eines sozialdemokratischen städtischen Angestellten wuchs in einfachen Verhältnissen im Stadtteil Sendling auf. Seit 1981 arbeitet er bei der Stadt München, die meiste Zeit davon in der Kämmerei. Erst 2009 machte Ude seinen Wunschnachfolger zum Wirtschaftsreferenten. Der Noch-Oberbürgermeister schätzt an Reiter, wie er sagt, nicht zuletzt dessen "intime Kenntnisse der Stadtverwaltung und seinen effizienten Arbeitsstil". Zu den Grünen, dem jahrelangen Koalitionspartner der Münchner SPD, hat Reiter ein gutes Verhältnis. Und selbst in der Stadtratsopposition loben einige sein Verhandlungsgeschick.

Hielten ihn manche in seiner Partei noch vor gar nicht allzu langer Zeit eher für einen Technokraten, trauen ihm mittlerweile die meisten Beobachter zu, in Udes große Fußstapfen zu treten. Unter der Ägide des Schwabinger Intellektuellen Ude wuchs die Wirtschaft in München wie kaum anderswo in der Republik. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt sogar unter fünf Prozent. Die Stadt verringerte zudem ihre Schuldenlast von 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf zuletzt gut 1,3 Milliarden Euro.

Wirtschaftsprofi mit Sinn für Soziales

Passend zu Reiters Nominierung gab der IT-Riese Microsoft am Donnerstag bekannt, seinen Deutschlandsitz nach München verlegen zu wollen. "Ein Glücksfall", schwärmt Reiter, der sagt, er habe in den vergangenen Monaten hinter den Kulissen an dem Deal mitgewirkt. Der Zuzug des Konzerns beweise, dass München auch ohne Dumping-Gewerbesteuersätze für die Wirtschaft sehr attraktiv sei, betont der SPD-Mann.

Gutes Wirtschaften ist für Reiter kein Selbstzweck: "Wichtig ist mir, die Balance zwischen Sozialem, Bildung und Wirtschaft zu halten." München habe in Trudering beispielsweise gerade ein Gymnasium für 70 Millionen Euro gebaut: "Das können wir uns leisten, weil wir wirtschaftlich erfolgreich sind." Zudem verweist er auf die Milliardeninvestitionen beim Ausbau der Kinderbetreuung in den vergangenen Jahren oder die Subventionierung der defizitären städtischen Kliniken. "Mit mir wird es keinen Verkauf der städtischen Krankenhäuser oder der Stadtwerke geben, und auch keine Privatisierung von Trinkwasser." Zudem will sich Reiter für den Bau neuer Wohnungen und gegen weitere Luxussanierungen einsetzen.

Mindestlohn nur "ein erster Schritt"

Auch anderweitig weiß er die sozialdemokratische Parteiseele zu streicheln. So verhinderte er als Wirtschaftsreferent, dass die städtische Verkehrsgesellschaft ihre Busfahrer in eine Billig-Tochter auslagert. Geht es nach Reiter, soll der "öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut werden": So könne er sich etwa den Bau zweier neuer U-Bahn-Strecken vorstellen. Mittelfristig wünsche er sich "eine Innenstadt ohne Verbrennungsmotoren". Reiter selbst fährt täglich mit der U-Bahn zur Arbeit.

Dass im reichen München etwa 10.000 Menschen ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssen, nennt er derweil "ein Unding". Für Reiter ist klar: "Man muss von seiner eigenen Arbeit leben können." Der von der SPD bei den Berliner Koalitionsverhandlungen geforderte Mindestlohn von 8,50 Euro sei daher nur "ein erster Schritt".

Reiter selbst würde als Rathausboss knapp 170.000 Euro brutto im Jahr verdienen. Doch noch muss er fleißig Wahlkampf machen. Zur Entspannung spielt er zwischendurch gerne E-Gitarre, etwa Stücke der Toten Hosen oder von Mark Knopfler. "Da kann man nach einem anstrengenden Tag richtig gut runterkommen." Beim Jammen hat er auch keine Berührungsängste mit dem politischen Gegner. So spielt er mit dem ehemaligen bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon und Peter Hausmann, dem Chefredakteur der CSU-Postille Bayernkurier, in einer Band. Hausmann schickte ihm kurz nach seiner Nominierung sogar eine Gratulations-SMS – noch vor manchem Sozialdemokraten.