Ich war schockiert, als ich letzte Woche erfuhr, dass der Bundesverfassungsschutz nach 15 Jahren die Beobachtung von Scientology beenden will.

"Wie?" dachte ich mir. "Scientology wird noch beobachtet?"

Wir leben also in einem Land, in dem eine kleine Kirche als staatsgefährdend eingestuft wird. Und das offenbar ohne jeden Beweis. Denn wenn es Beweise gäbe, hätte der Verfassungsschutz sie irgendwann gefunden. So blind kann nicht einmal der Verfassungsschutz sein.

Stellen Sie sich vor, Sie werden eineinhalb Jahrzehnte lang wegen Mordes an Ihrer Ehefrau beschattet, obwohl sie eindeutig noch lebt. Das ist keine Untersuchung, das ist etwas anderes.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Freund von Scientology. Wie sie mit ihren Mitgliedern umgehen, finde ich nicht in Ordnung. Da könnte man auch bei entsprechendem Verdacht ruhig die Polizei einschalten. Aber den Verfassungsschutz? Warum wird ausgerechnet eine Kirche unter Beobachtung gestellt? Doch nicht, weil Scientology "totalitäre Tendenzen" hat, wie es immer wieder heißt. Auch die Katholische Kirche hat "totalitäre Tendenzen", wie ihre Exmitglieder, Exmitarbeiter und Exinternatsschüler immer wieder versichern. Sie wird aber nicht vom Verfassungsschutz beobachtet.

Kann es am Ende sein – ich wage es kaum zu denken – dass es gar nicht um den Schutz der Demokratie geht, sondern um den Schutz der Kirchen vor Konkurrenz?

Jede Kirche, auch jede vom Staat unterstützte, ist von ihrer Struktur her ein Unternehmen: Sie lebt von Mitgliedsbeiträgen und ist deshalb genauso auf ihre Mitglieder angewiesen wie eine Firma auf ihre Kunden. Auf dem freien Markt der Gläubigen konkurriert also jede Kirche mit jeder anderen Kirche.

Nur die Katholische und die Evangelische Kirche in Deutschland nicht: Der Staat übernimmt diese unangenehme Aufgabe für sie. Viele Menschen glauben, hierzulande seien Kirche und Staat getrennt. Das stimmt nicht ganz. Zwar steht im Grundgesetz, dass es "keine Staatskirche" gibt, in der Praxis bedeutet das aber lediglich, dass es gleich zwei gibt.