Wo ist sie bloß hin, die wütende Basis? Laut war sie direkt nach der Bundestagswahl, kaum, dass das erste Mal von einer möglichen Großen Koalition die Rede war. Im Internet kursierten böse Wutpamphlete gegen eine Bündnis mit der CDU, Abgeordnete und einfache Parteimitglieder schimpften in Blogs und auf Twitter, die SPD solle kein Mehrheitsbeschaffer oder Steigbügelhalter für die CDU sein. Die virtuelle Liste der Landes- und Ortsverbände, die die Koalition ablehnten, wuchs innerhalb weniger Tage.

Nun, eine knappe Woche vor dem Bundesparteitag in Leipzig sind die Kritiker leiser geworden. Sucht man Gegner der Großen Koalition, die zum Parteitag fahren, wird man schnell abgewiesen: "Fahre nicht", "kein Interesse", "da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen". Solche Antworten bekommt man sogar aus Nordrhein-Westfalen, wo die Kritik doch eigentlich am heftigsten war. Haben sie sich doch von den Koalitionsverhandlungen überzeugen lassen, haben sie Angst vor der Parteiführung, oder warten sie auf den Mitgliederentscheid, um dann zu blockieren?

"Kein Regierungsauftrag"

Einen Ort immerhin gibt es, an dem der Widerstand noch so stark ist wie einst fast im ganzen SPD-Land: Erfurt. Dort mobilisieren die Mitglieder des Kreisvorstandes gerade für ein Nein zur Großen Koalition. Während die Bundespartei kommende Woche in Leipzig zusammenkommt, wollen die Erfurter Genossen auf einem außerordentlichen Kreisparteitag beschließen, die Große Koalition in der Mitgliederbefragung abzulehnen. Dafür haben sie eine Vollversammlung einberufen. Vertreter aus allen sechs Ortsvereinen haben den Antrag, der das Thema auf die Tagesordnung hob, einstimmig beschlossen.

Das Wahlergebnis der SPD sei kein Regierungsauftrag, sondern ein Auftrag zur "personellen und programmatischen Erneuerung" der Partei, steht in dem Antrag, der ZEIT ONLINE vorliegt. Einer der Initiatoren ist Peter Reif-Spirek, Mitglied des Kreisvorstandes. Er fühlt sich von der Parteispitze betrogen. "Weder der Vorstand noch der Konvent spiegeln in irgendeiner Form repräsentativ die Stimmungen in dieser Partei wider. Und dieses Demokratiedefizit ist Teil des Problems", sagt er.

Die jetzige Parteiführung nutze die Mitglieder nur noch als Stimmenbeschaffer bei Wahlen. "Die wirklich wichtigen Entscheidung fallen aber im kleinen Kreis und hinter verschlossener Tür." Die SPD müsse sich rundum erneuern, zurückfinden zur Partei der Gerechtigkeit, zu echter Sozialdemokratie, um sich deutlich von der CDU abzugrenzen. Dafür brauche sie die Basis, findet Reif-Spirek.

Mit dieser Meinung steht der Erfurter nicht alleine da. René Lindenberg ist Landesgeschäftsführer der Thüringer SPD. Er bestätigt, dass die Skepsis gegenüber einer Großen Koalition im Land weit verbreitet ist. Das dürfte auch in der Erfahrung der vergangenen vier Jahre begründet sein. Seit 2009 regiert in Thüringen eine Große Koalition, die zuletzt allerdings eher durch die Pensionsaffäre um den ehemaligen Sprecher von Ministerpräsidentin Lieberknecht und die Doppelbezüge von Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) auffiel, als durch ihre Regierungssarbeit zu glänzen.

Mit der Großen Koalition hat sich die Thüringer SPD keinen Gefallen getan, findet Reif-Spirek. "In den letzten Jahren hat die Partei immer mehr Kontur verloren. Viele Menschen erkennen den Unterschied zwischen SPD und CDU nicht mehr", sagt er.