Immer, wenn ich von meiner Heimat Amerika enttäuscht bin – wenn mein Präsident nicht das macht, was ich gern hätte oder meine Landsleute sich wieder mal als verbohrter erweisen, als mir lieb ist –, dann muss ich nur eine deutsche Zeitung aufschlagen, und schon erkenne ich: Ohne Amerika läuft hier gar nichts.

Letztens zum Beispiel, als herauskam, dass die NSA sich die Unverschämtheit leistete, Frau Merkels Handy abzuhören, war mir das echt peinlich. Es war eine Unverschämtheit. Ich wollte mich abwechselnd vor meinen deutschen Freunden verkriechen und um Entschuldigung bitten. Doch tief im Herzen wusste ich: Es dauert nur wenige Tage, bis die Deutschen meinem Leid ein Ende setzen werden.

Und so kam es auch. Vergangene Woche ließ sich der ewige Oppositionelle Christian Ströbele stolz wie Bolle neben dem amerikanischen Whistleblower Edward Snowden in Russland ablichten. Damit zeigte der grüne Politiker der ganzen Welt, wie radikal Anti-Establishment-mäßig er nach all den Jahren noch immer drauf ist. Sich neben einen flüchtigen Ami hinzustellen – der Mann hat Nerven aus Stahl!

Da dachte ich wieder mal: Was würden die Deutschen nur ohne uns anfangen? Denn selbst ein Kind könnte die unterschwellige Botschaft von Ströbeles Auftritt richtig deuten – nämlich: Um sich als moralisch aufrechter Mensch zu legitimieren, braucht der deutsche Politiker einen Ami an seiner Seite. Entweder zum Knuddeln oder zum Draufhauen.

Dabei hätte Ströbele höchstwahrscheinlich schon vor Jahren selbst den Whistleblower spielen können, hätte er es gewollt. Er ist ja das dienstälteste Mitglied des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages, das die Geheimdienste überwacht. Wenn einer in diesem Land seit Jahren hätte wissen können, dass der BND mit der NSA zusammenarbeitet, um die Internetkommunikation der Bürger abzufangen und auszuwerten, dann Ströbele.

Vergangene Woche berichtete auch der Guardian wieder einmal, wie die Briten schon 2008 den BND bewunderten, weil dieser zehnmal mehr Daten aus den Netzen abschöpfen konnte als die eigenen, auch nicht gerade zimperlichen Geheimdienste. Was die britische Regierung wusste, wusste mit Sicherheit auch die deutsche. Aber dem eigenen Geheimdienst einen Vorwurf machen? Da hat Herr Ströbele wohl lieber auf den nächsten amerikanischen Whistleblower gewartet: Die Amis sollen es richten. Einen Veggie Day vorschlagen, das kann auch ein deutscher Rebell, aber einen internationalen Skandal verursachen, das geht dann doch zu weit.