Seit Samstag, 16.50 Uhr ist Christian Lindner nun auch offiziell der FDP-Trümmermann. "Die Zeit der Trauerarbeit ist zu Ende, ab heute bauen wir vom Fundament auf", ruft der 34-Jährige den Delegierten des Parteitags zu. Und die fangen zum ersten Mal an diesem Tag an zu jubeln. "Ich biete einen Geist der Partnerschaft, denn jetzt kommt es mehr denn je auf jeden Einzelnen an", sagt Lindner. Das reicht für 79,04 Prozent der Delegiertenstimmen.

Ein mäßig gutes Ergebnis also für den neuen Parteichef. Allerdings eins, das FDP-Insider zuvor ziemlich genau so eingeschätzt hatten. Lindner ist bei den Liberalen derzeit ohne ernstzunehmende Alternative, unumstritten ist er nicht. Das zeigt die Tatsache, dass er zwei Gegenkandidaten hatte – die jedoch weitgehend unbekannt sind und sich eher durch verwirrende beziehungsweise reichlich technokratische Bewerbungsreden hervortun.

Der außerordentliche Bundesparteitag der FDP – das ist an diesem Samstag schnell klar – markiert den Beginn der, nun ja, wilden APO-Zeit. Anders gesagt: Die FDP ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Liberalen sind jetzt arm, die Parteikasse nach dem missglückten Bundestagswahlkampf leer.

In der FDP-Zentrale haben sie Kündigungen aussprechen müssen und auch sonst schaut die Partei aufs Geld. Die FDP trifft sich also nicht mehr auf einem großen Messegelände, sondern lädt in eine kahle ehemalige Bahnhofshalle in Berlin. Der Weg hinein ist verwinkelt, führt entlang an kahlen Wänden, die Halle ist eng, das Internet kostet, die Stufen zu den Toiletten im Keller sind bedrohlich: steil und aus Beton. "Kann es noch weiter hinunter gehen?", sagt eine Delegierte schnaufend in die Dunkelheit.

Das Geld reicht nur noch für Döner

In der Mittagspause gibt es Döner. Die Stimmkarten für die Delegierten sind erstmals nur einseitig bedruckt, daran erinnert der Tagungsleiter auf dem Plenum. Daran werde deutlich, "dass dies ein Bundessparparteitag ist", sagt er gut gelaunt. Tagen könne man ziemlich lange, schließlich falle der traditionelle Tanzabend aus. Auch das dürfte finanzielle Gründe haben. Wenig später bittet der scheidende Schatzmeister Otto Fricke die Delegierten um "Werbung für eine Spende für die FDP".

Manchem allerdings gefällt der neue Stil der Partei. "Endlich nicht mehr Schickimicki", ruft der ehemalige Bundestagsabgeordnete Michael Kauch seinen Parteifreunden zu. Er klingt richtig erleichtert. Nur so – bodenständig, rustikal, nah bei den "normalen Leuten" – könne es bergauf mit der FDP gehen.

"Liberal sein heißt auch mutig sein", diesen Spruch von Thomas Dehler haben sich die FDPler in schwierigen Zeiten nun auf die Seele geschrieben. Er prangt auch in großen Buchstaben über dem verwinkelten Eingang zum Parteitag. Tatsächlich sind die Delegierten mutig heute, auch gegenüber der Union: Viele sehen die Zweistimmenkampagne, das Unterwerfen unter die Kanzlerin in der Woche vor der Bundestagswahl als mit schuld am Absturz.

Dazu kommt die Tatsache, dass man sich nie mit den Steuersenkungen durchgesetzt hatte. "Ich habe die Schnauze voll davon, an Muttis Rock zu hängen", so rechnet Kauch mit seiner Partei ab.

Zu aufgeregten Zeiten gehört auch, dass Ablehnung sich deutlicher äußert als sonst. Das bekommt die alte FDP-Führung zu spüren. Gleich zu Beginn des Parteitags stellt der Delegierte Rudi Rentschler den Antrag, die Abschiedsrede des scheidenden Parteichefs Philipp Rösler auf fünf Minuten zu begrenzen.

Noch-Generalsekretär Patrick Döring sieht das anders. "Der scheidende Bundesvorstand soll doch die Möglichkeit haben sich zu äußern", ruft er. Rentschlers Antrag wird abgelehnt – allerdings bei fünf Dafür-Stimmen.