"Abstoßend" habe die FDP zuletzt in der Art ihres Auftretens gewirkt, bekannte Christian Lindner diese Woche in einem Interview. Der designierte neue Vorsitzende der Liberalen will jetzt alles anders machen. Und zum Neuanfang nach dem parlamentarischen Aus gehört ganz offensichtlich auch ein ordentliches Abwatschen der Vorgänger.

Lindner will nun das kalte Image der Liberalen abstreifen, sie als außerparlamentarische Opposition stärker kommunal verankern. Sozial und wirtschaftsliberal zugleich solle die FDP der Zukunft sein, sagte er. Da hat sich einer viel vorgenommen: Frauen sollen im bisherigen liberalen Männerklub endlich genauso prominent vertreten sein, die FDP soll sich außerdem für neue Koalitionsoptionen öffnen. Spätestens 2017 will Lindner die Partei dann in den Bundestag zurückführen. Bis dahin, und das ist vielleicht die schwerste Aufgabe für den 34-Jährigen, sollen die Liberalen wieder ein Team werden.

Am Samstag kommt die gebeutelte Partei in Berlin zu einem außerordentlichen Parteitag zusammen. Der glücklose Noch-Vorsitzende Philipp Rösler wird seine Abschiedsrede halten, danach steht die Kür seines Nachfolgers an. Lindners Wahl gilt als sicher. Selbst die, die Lindner eher abfällig als "strammen Krawattenträger im Designeranzug" titulieren, der als Exgeneralsekretär auch ein Produkt dieser "abstoßenden FDP" sei – selbst die kennen derzeit keine Alternative zu ihm.

Zwei Basisliberale als Herausforderer

Lindner ist eloquent und in der Öffentlichkeit nicht so diskreditiert wie Rösler und Spitzenkandidat Brüderle. Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen holte er 2012 acht Prozent der Stimmen, da lag die FDP anderswo schon konsequent unter der Fünfprozenthürde. Wenn einer den Wiederaufstieg schaffen kann, so heißt es, dann der Lindner. Er selbst hofft, dass sein abrupter und nie von ihm erklärter Abgang als Generalsekretär unter der glücklosen Rösler-FDP ihm die nötige Glaubwürdigkeit verschafft. Tatsächlich fühlte Lindner, der schon lange für eine thematische Verbreiterung der FDP eintritt, sich damals nicht genügend gehört, zweifelte an Entscheidungen Röslers. Jetzt hat er die Chance, die Partei nach seinen Vorstellungen auszurichten.

Spannend wird Lindners Kür zum Vorsitzenden am Samstag dennoch, denn er ist nicht ohne Gegenkandidaten. Zwei FDP-Mitglieder fordern ihn heraus – die neue Satzung macht es möglich, wonach ein Mitglied nur 250 Stimmen in der Partei sammeln muss, um seine Kandidatur anzumelden. Gerade feilt noch der Berliner Götz Galuba an seiner 15-minütigen Bewerbungsrede. Der 36-jährige Physiker, nach eigenem Bekunden seit 15 Jahren Liberaler, ist gerade Vater geworden, was seine Vorbereitungszeit etwas eingeschränkt hat.

Aus aktuellem Anlass treibe ihn natürlich  das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf um, sagte Galuba ZEIT ONLINE. Bisher sei ein "bodenständiger Liberalismus", der sich an solch alltagsrelevanten Freiheitsthemen aufhänge, in der Partei leider zu kurz gekommen, beklagt er: "Freiheitseinschränkungen, die ich im Alltag erlebe, beziehen sich eben nicht immer nur auf meine Steuererklärung." Galuba will die FDP von der Basis her denken, mehr Mitspracherechte in der Partei verankern. Ganz Realist, bekennt der Bewerber allerdings: "Ich bin wohl eher so was wie ein Zählkandidat, aber vielleicht bewege ich ja was."

Gegen Lindner tritt außerdem der Hesse Jörg Behlen an, FDP-Kreisvorsitzender in Marburg-Biedenkopf. Er halte Lindner für mitverantwortlich für das Desaster der FDP, sagte Behlen der Oberhessischen Presse. In der FDP-Spitze ist man nicht gut auf Behlen zu sprechen, weil er die Grünen im Wahlkampf als "Ökofaschisten" beschimpfte. Das ist kein Duktus, den Liberale gutheißen. Behlen gehört innerhalb der FDP außerdem zum umstrittenen Liberalen Aufbruch, das Grüppchen Euro-Kritiker, die sich um Frank Schäffler geschart hat.