Plötzlich wird es ganz gefährlich. Da stehen sie sich gegenüber, der Parteichef und sein Nachwuchs, beim Bundeskongress der Jusos in Nürnberg. Die Luft ist schlecht, die Stimmung ist es längst auch. Und nun eskaliert es so richtig. Denn plötzlich geht es um Rassisten und Nazis, ein Hitler-Vergleich scheint nur einen Satz entfernt.

Eigentlich geht es hier seit Stunden um die Große Koalition, aber dann ruft einer: "Check mal die Rassisten von der CDU!" Sigmar Gabriel stockt, zögert kurz, dann sagt er bestimmt: "Ich kennen keine Rassisten in der CDU." Die meisten der dreihundert Jusos vor ihm johlen, nicht aus Zustimmung, sondern aus Ablehnung.

Dann hält Gabriel eine Juso-Postkarte mit einem Zitat von Otto Wels hoch, jenem Reichstagsabgeordneten, der einst für die Sozialdemokraten Hitlers Ermächtigungsgesetz ablehnte. "Wer so etwas druckt, und gleichzeitig den Eindruck erweckt, in der heutigen CDU gäbe es Rassisten, der verniedlicht das, was damals passiert ist!"

Der SPD-Vorsitzende wirft also Jusos – die sich viel auf ihren Antifaschismus einbilden – vor, den Nationalsozialismus nicht ernst genug zu nehmen. Und bringt dabei einen der Heiligen der Parteigeschichte gegen sie in Stellung.

Da schauen viele nur noch ungläubig, manche sitzen da mit offenem Mund, andere lachen vor Empörung über den Angriff. Später werden sie von einem Tiefpunkt der innerparteilichen Diskussionskultur reden. Und davon, dass sie froh sind, dass Gabriel wieder weg ist.

Der Auftritt des SPD-Vorsitzenden bei den Jusos ist auf den letzten Metern völlig eskaliert, und dabei ging es nicht um Details des Koalitionsvertrags, sondern ganz grundsätzlich darum, wie man politisch streiten soll.

Gabriel verteidigt den Koaltionsvertrag

Dabei hätte es nicht so weit kommen müssen. Die Ausgangslage war ja für alle klar. Auf der anderen Seite die Jusos mit Menschen wie Philipp Dees. Er ist Vorsitzender in Bayern und hat zusammen mit neun anderen Landesverbänden und Bezirken einen Antrag gegen die Große Koalition eingebracht. "Das Ergebnis reicht mir einfach nicht", sagt Dees, "das ist kein Politikwechsel".

Auf der anderen Seite Gabriel, der für die Große Koalition wirbt, weil sie "das Leben der Menschen besser machen" würde, wie er seit Tagen bei seinen Auftritten im ganzen Land sagt.

Er hält dann eine Rede, die so funktioniert: Das Mitgliedervotum ist toll, "wir sind die modernste Partei Deutschlands". Es ist wichtig, das jeder frei entscheiden darf und niemand unter Druck gesetzt wird, dass es am Ende nicht heißt, "die einen sind gute Sozialdemokraten und die anderen angeblich keine". So weit, so versöhnlich. Bis hierhin gehen die Jusos mit.

Dann aber drückt Gabriel. Das Votum sei eigentlich die Entscheidung, ob die SPD noch Volkspartei sei. "Die Mehrzahl von uns kann sich die Ablehnung locker leisten, uns geht es dann nicht schlechter. Aber Millionen anderen geht es dann vier Jahre lang schlechter." Heißt im Klartext: Wer mit Nein stimmt, ist ein Egoist. Wer nicht zustimmt, nimmt Abschiebungen in Kauf und dass manche in Deutschland weiterhin von fünf Euro pro Stunden leben müssen. Von Gabriels angeblichem Respekt für die Gegenargumente ist hier nicht mehr viel zu hören.

Gabriel hinterlässt viel Aufregung

Die Einwände der Jusos sind für ihn nur Steilvorlagen. "Der Vertrag setzt die Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen fort", sagt die neue Vorsitzende Johanna Uekermann. "Johanna", sagt Gabriel, "das finde ich überhaupt nicht fair. Wir haben ein Bleibereicht durchgesetzt". Später ruft einer "Blödsinn!" dazwischen, als der Parteichef die Einigung beim Mindestlohn verteidigt. "Blödsinn, sagst Du? Na dann erklär das mal der Floristin mit fünf Euro die Stunde!"

Gabriel pickt so sowieso gerne einzelne aus dem Publikum heraus, um sie anzugreifen. "Ich finde es nicht gut, dass er so persönlich wird", sagt sein Gegner Dees später dazu. Als wieder einmal einer Widerworte in den Saal ruft, es geht um Tarifverträge, kontert Gabriel: "Das kann man als Student vielleicht sagen, dass das anders ist!"

Dann kommt der Rassismus-Zwischenruf. Und alles wird noch schlimmer.

Gabriel will den Jusos was beibringen

Gabriel könnte das jetzt weg moderieren. Eigentlich wollte er sowieso schon vor fünf Minuten gegangen sein, das Flugzeug wartet. Aber er lässt es drauf ankommen. Weil er den Jusos jetzt was beibringen will. "Frau Steinbach würde ich nicht als Rassistin bezeichnen", sagt er über Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, CDU-Bundestagsabgeordnete und ein rotes Tuch für die Linken, nicht nur bei den Jusos. "Du wirst mich nicht dazu bekommen, die Kritik an den Konservativen auf ein Niveau zu bringen, auf das sie nicht gehört", sagt Gabriel dem Zwischenrufer. Die Jusos lachen an dieser Stelle nur noch laut auf.

Es ist zu greifen, wie sich die nächsten vier Jahre zwischen SPD-Spitze und Jusos gestalten werden: Hier die Regierungswilligen, sanft im Ton mit den Konservativen und verhandlungsbereit in der Sache. Dort die Opposition in den eigenen Reihen, die mit der verhassten Union nichts zu tun haben will und vom "demokratischen Sozialismus" träumt.

Klare Mehrheit stimmt gegen die Koalition

Mit einer Viertelstunde Verspätung rauscht Gabriel aus dem Saal, zurück bleiben aufgeregte Jungsozialisten. "Unwürdig" sei der Auftritt gewesen, sagt einer. "Dass er es anders sieht, ist ja in Ordnung", sagt Bayern-Chef Dees. "Aber dass er uns abspricht, unser Position durchdacht zu haben, finde ich nicht fair."

Am Ende stimmt eine klare Mehrheit der Jusos für seinen Antrag, damit lehnt der Jungsozialisten-Verband mit seinen über 70.000 Mitgliedern den Koalitionsvertrag jetzt auch offiziell ab. Gabriels Auftritt dürfte sie nicht versöhnlicher gestimmt haben. Und der Parteichef seinerseits dürfte nun endgültig wissen, dass er in den kommenden vier Jahren, so es denn zur Großen Koalition kommt, einen neuen Gegner in den eigenen Reihen hat.