Kanzlerin Angela Merkel will die Entscheidung von Bundespräsident Joachim Gauck, den olympischen Winterspielen im russischen Sotschi fernzubleiben, nicht bewerten. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Die Entscheidung des Bundespräsidenten ist zur Kenntnis zu nehmen und nicht zu kommentieren." So sei dies zwischen Verfassungsorganen üblich. Ob Merkel vorab darüber informiert war, wollte Seibert nicht sagen.

Eine Entscheidung darüber, ob die künftige Bundesregierung ein Mitglied nach Sotschi entsende, sei noch nicht getroffen. Dies sei in erster Linie Sache des Innen- und Sportministers, sagte Seibert. Ein Sprecher des Innenministeriums sagte, es gebe "gewisse Vorbereitungen", eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.  

Am Sonntag hatte eine Sprecherin des Bundespräsidenten einen entsprechenden Bericht des Spiegel bestätigt, Gauck werde im Februar nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi reisen. 

Damit stünde laut Spiegel Gaucks Haltung jedoch jener der Kanzlerin entgegen: Merkel lehne einen Boykott wegen der Diskriminierung Homosexueller in Russland ab. Während der Veranstaltung im kommenden Februar sei die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Situation in Russland gerichtet, heiße es im Kanzleramt zur Begründung. 

Positive Reaktionen auf Gaucks Ankündigung

Unterdessen hatten sich viele deutsche Politiker positiv zu  Gaucks Absage geäußert. Selbst jene, die in der Vergangenheit auf die Chance gesetzt hatten, dass durch die Begegnungen von Menschen "Werte exportiert" werden und sich Länder, denen undemokratische oder gar diktatorische Strukturen zugeschrieben werden, öffnen und wandeln – wie Wolfgang Bosbach von der CDU.  

"Ich habe vollstes Verständnis für die Entscheidung des Bundespräsidenten", sagte Bosbach. Schließlich sei es nicht eine Entscheidung gegen die Olympischen Spiele per se oder gegen die deutschen Sportler. Dass der Bundespräsident nicht die Spiele besucht, sieht Bosbach als konsequente Reaktion Gaucks auf Moskaus rigiden Umgang mit Menschenrechten.

Es gibt es auch kritische Stimmen: So sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete und Russland-Experte Andreas Schockenhoff, der Boykott entspreche zwar der konsequenten Haltung des Bundespräsidenten zu Menschenrechtsfragen. Einen generellen Boykottaufruf halte er aber trotzdem für falsch: "Man muss sich fragen, ob man damit nicht auch die Menschen im Land trifft."

Viel Kritik aus Russland an Gauck

In Russland wird die Kritik an der Entscheidung deutlicher formuliert: Deutschland-Experte Wladislaw Below spricht gar von einem Fehler des Bundespräsidenten, nicht an den Winterspielen teilzunehmen. Als Staatsoberhaupt habe Gauck nicht seine persönlichen Interessen zu vertreten, sondern eine Politik für alle Deutschen, sagte Below. 

"Es ist wohl die Entscheidung des Bürgers Gauck, aber nicht die des Bundespräsidenten", sagte Below weiter. Als Staatsoberhaupt müsse Gauck über den Dingen stehen. Er sei in seinem Amt immer noch nicht angekommen, kommentiert der Direktor des Zentrums für Deutschlandforschung bei der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.