Die aktuelle Auseinandersetzung zwischen dem türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und der islamischen Gülen-Bewegung dürften die meisten Deutschen für ein rein türkisches Problem halten. Doch sie findet auch hier statt. Denn Deutschland ist für die Anhänger von Imam Fethullah Gülen ein wichtiger Aktionsraum.

Nirgendwo sonst leben mehr türkischstämmige Menschen außerhalb ihrer Herkunftsheimat. Nach Schätzungen der US-Soziologin Helen Rose Ebaugh gelingt es Gülen, 10 bis 15 Prozent der türkischen Bevölkerung in seinen Bann zu ziehen. Übertragen auf Deutschland würde das bedeuten, dass es auch hier mehrere Zehntausend Gülen-Anhänger gibt.

Mit eigenen Zeitungen, Zeitschriften und TV-Stationen ist die Werbung um Mitglieder zwischen München und Hamburg mindestens genauso intensiv wie in der Türkei. Und auf den ersten Blick klingt diese sogar ziemlich vielversprechend: Gülen bietet sich Deutschland und dem Westen als demokratische Variante des Islam an. Die wenigen verfügbaren Berichte aus dem Inneren der Bewegung sprechen jedoch eine andere Sprache.  

Nachhilfe plus Ideologie

Nahezu in jeder deutschen Stadt gibt es einen Nachhilfeverein, in dem Anhänger des Imams versuchen, Nachwuchs für Ihre Bewegung zu rekrutieren. Die Vereine geben sich nach außen weltanschaulich neutral, haben Namen wie Delphin, Optimum oder Avicenna und sind an guten Schülern interessiert, die durch ihren Unterricht zu sehr guten Schülern werden.

"Ich war eine gute Realschülerin und wollte bessere Noten", erzählt etwa eine junge Frau, die bei Frankfurt aufwuchs. Durch den Unterricht in einem der Gülen-Nachhilfevereine hätten sich ihre Noten schnell verbessert. Doch S. merkte schon bald, worum es eigentlich ging: "Die wollten mir alles vorschreiben, meinen Willen brechen."

Ein Motto des Predigers Gülen lautet: "Baut Schulen statt Moscheen." In Deutschland sind seine Anhänger dieser Direktive verpflichtet. Es gibt circa 120 Nachhilfevereine, zahlreiche private Schulen, Kindergärten und unzählige internatsähnliche Wohngemeinschaften, sogenannte Lichthäuser, in denen Jugendliche und Studenten unter spiritueller und geistiger Aufsicht nach den Lehren des Meisters leben.  

Das Irritierende daran ist, dass die von Gülen umworbenen türkischstämmigen Jugendlichen eigentlich geradezu dem Einwandererideal der deutschen Mehrheitsgesellschaft entsprechen: sie sind leistungs- und bildungsorientiert, wenden sich gegen alles, was einer extremistischen Auslegung des Islam nahekommt, und sprechen vorzüglich deutsch.