Am frühen Freitagabend entscheidet sich der linke politische Nachwuchs in Deutschland gegen die hässliche, machtpolitische Realität und für die Kuschelecke. "Unser eigentliches Ziel ist es", sagt Johanna Uekermann kurz vor ihrer Wahl zur neuen Chefin der Jungsozialisten, "in einer wirklich gerechten Gesellschaft zu leben". Applaus. "In einer vollständig demokratischen Gesellschaft." Wieder Applaus. Dann, prärevolutionäre Kunstpause: "Unser eigentliches Ziel ist es, die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden! Unser eigentliches Ziel ist der demokratische Sozialismus!" Der Saal johlt und tobt, die Jusos sind nun ganz bei sich, ganz im "Eigentlich".

Dieses Wort sagt alles über den Gemütszustand der Organisation, die nicht als Jugendverband der SPD gelten will, sondern viel auf ihre Eigenständigkeit hält. Wer "eigentlich" sagt, macht damit deutlich: Ich weiß, es gibt Zwänge, aber darüber will ich jetzt nicht reden, noch nicht. "Eigentlich" verdrängt das Hässliche und vielleicht Notwendige und lenkt den Blick auf den Horizont. Wer "eigentlich" sagt, der sagt: Lasst uns noch ein wenig zusammen träumen.

Und so träumen sie also vom Ende des Kapitalismus, bei ihrem Bundeskongress in Nürnberg, während am Horizont doch etwas ganz anderes aufzieht, immer unvermeidbarer: die Große Koalition.

Knapp 300 Delegierte haben sich versammelt, in der ehemaligen Kantine der Zentrale des Versandhauses Quelle, in der es immer noch nach Kantine riecht, auch wenn das hier jetzt "Q-Location" heißt. Quelle ist längst pleite, aber an den Wänden stehen noch die Sinnsprüche des Industriekapitalismus. "Neue Ziele sind nur über neue Wege erreichbar" mahnt Henry Ford. "Der Pfennig ist die Seele der Milliarde", sagt Grete Schickedanz, die einstige Matriarchin von Quelle. Ihr Unternehmen aber ist längst pleite, ihre Tochter Madeleine Schickedanz hat sich mit den Milliarden und Pfennigen verzockt, musste das Elternhaus verpfänden.

Vogt sagt nicht mehr "wir", er sagt "die Jusos"

In diesem Denkmal des Untergangs versuchen die Jusos einen Neuanfang. Sie verabschieden ihren bisherigen Bundesvorsitzenden, den 33 Jahre alten Sascha Vogt. Der wirkt in weißem Hemd und Jackett, mit den immer lichter werdenden Haaren, schon jetzt wie ein Fremdkörper hier, zwischen den Kapuzenpulli-Studenten und den Mädchen mit den bunten Haaren. Vor allem aber ist Vogt einer der wenigen, der für die Große Koalition ist. "Das ist mehr Fort- als Rückschritt für die Gesellschaft", sagt er bei seiner Abschiedsrede. Keiner klatscht. Wenn Vogt jetzt von seinem Verband redet, sagt er nicht mehr "wir", er sagt "die Jusos". Er gehört nicht mehr dazu.

Seine Nachfolgerin Uekermann ist sieben Jahre jünger und gegen das Bündnis mit der Union. Fast der ganze Bundesvorstand wird an diesem Wochenende ausgetauscht, es ist ein Generationenwechsel und auch ein Richtungswechsel, zumindest in der Außendarstellung. Die vergangenen Jahre haben die Jusos darauf verwendet, innerhalb der SPD auf möglichst linke Positionen zu drängen. Nun werden sie aller Voraussicht nach wieder zur innerparteilichen Opposition, wenn ihre Partei gemeinsame Sache mit der verhassten Union macht.

Die Jusos gönnen sich ein bisschen linke Rückbesinnung

Deshalb ist es nur folgerichtig, dass Uekermann jetzt vor allem Fragen stellt. Wir wollen wir leben? Was für ein Europa wollen wir? Wie verteilen wir die Arbeit besser? Wie kann Politik weiblicher und überhaupt das Patriarchat überwunden werden? Und wie gelingt das eigentlich, das Klima zu retten? Antworten hat sie keine, sie sagt dann nur: "Wir geben nicht auf. Wir machen weiter. Es gibt noch viel zu tun." Applaus bekommt sie trotzdem viel und am Ende 207 von 296 Stimmen.

Die Jusos gönnen sich ein bisschen linke Rückbesinnung, und das muss nicht Schlechtes sein. Weil die Jungsozialisten nun mal so sind und weil sich Schüler und Studenten nicht immer und überall in die staatspolitische Pflicht nehmen lassen müssen, sie können sich auch einfach mal Gedanken machen, wie sie die Welt gerne hätten.

Es ist auch nicht so, dass sie nicht konkret werden. Am Samstag streiten sie stundenlang über Änderungsanträge zu Drohnen, zur Sozialpolitik und zum Verfassungsschutz, den sie gleich ganz abschaffen wollen. Es streiten Linke mit noch Linkeren. Und gleichzeitig ist es doch eine bemerkenswert konservative Veranstaltung.

Irgendwann am Samstagmorgen, die meisten im Saal sind noch etwas zerknautscht von der kurzen Nacht, bewirbt sich ein Jungsozialist aus dem Ruhrgebiet für den Parteivorstand. Er sagt: "Als mein Opa Bergmann wurde …", und schon da applaudiert der Saal. Ein Tribut an die gute, alte Zeit, als es noch echte Arbeiter gab, starke Gewerkschaften und eine starke SPD, die wusste, für was sie steht.

Sozialistisch, feministisch, internationalistisch

Hauke Wagner kann das alles nicht mehr hören. "Diese Sektiererclique erreicht doch nichts!" schimpft er. Gerade hat sich der 31-Jährige auch als Bundesvorsitzender beworben, aber er wusste eigentlich, dass er keine Chance hatte. Wagner ist eine Seltenheit bei den Jusos. Kein Linker, sondern ein Netzwerker, ein Pragmatiker also. Er arbeitet beim Energiekonzern Vattenfall und würde die Jusos gerne "rausholen aus dem Elfenbeinturm", aus ihrem akademischen Diskurs. "Wir sind ein Interessenverband", sagt Wagner. Er schimpft auf die vielen "Salonsozialisten" bei den Jusos, was ironisch ist, weil die Jusos ja den Sozialismus sogar ganz offiziell im Namen tragen, und weil Wagner selbst so gar nicht nach Sozialismus klingt, wenn er konkret wird. Sondern nach Parteimanager. Die SPD habe ein Kommunikationsproblem, sagt er. "Wir reden an den Menschen vorbei, das müssen wir ändern." Er ist übrigens auch für die Große Koalition. Hauke Wagner passt vielleicht zur SPD, er passt aber nicht zu diesen Jusos. Nur 27,6 Prozent wählen ihn.

Sozialistisch, feministisch, internationalistisch: Das ist der Dreiklang, mit dem die Siegerin Uekermann später die Jusos beschreibt, und darauf können sich die allermeisten hier einigen. "Das Problem heißt Kapitalismus", sagt die neue Vorsitzende, und einmal mehr ist der Applaus so enthusiastisch, das klar wird: diese Jusos glauben nicht nur an diese Analyse, sie glauben auch tatsächlich daran, dass sie diesen Kapitalismus irgendwann überwinden werden. So wie es Generationen von Jungsozialisten vor ihnen glaubten und später dann doch in Ministerämtern landeten oder großen Konzernen, auch Gerhard Schröder war mal Juso-Chef. Noch aber, an diesem Wochenende ist die ehemalige Quelle-Kantine der Schutzraum für politische Träume.