Vor fast drei Monaten stand Angela Merkel hier schon mal auf der Bühne – klatschend und singend damals. In der Nacht vom 22. auf den 23. September wurde im Foyer der Berliner Parteizentrale der CDU gefeiert. Die Christdemokraten hatten bei der Bundestagswahl zum ersten Mal seit Langem wieder ein Ergebnis jenseits der 40 Prozent erzielt.

Doch erst an diesem Sonntagabend – nach dem überwältigenden Votum der SPD-Mitglieder für die Große Koalition – ist Merkel wirklich am Ziel: Ganz offiziell kann sie nun die CDU-Minister ihres neuen Kabinetts vorstellen. Ihre dritte und vermutlich letzte Legislaturperiode als Kanzlerin ist gesichert.

Wer glaubt, dass die Frau im dunkelgrauen Hosenanzug sich deswegen Emotionen leisten würde, ist natürlich falsch gewickelt. Nüchtern benennt sie ihre künftigen Minister. Für jeden hat sie ein paar lobende Worte mitgebracht.

Es ist der Abschluss eines Wochenendes voller Spekulationen und Gerüchte. Begonnen hatte alles am Freitagabend, als die Liste der SPD-Minister bekannt wurde. Alle Kandidaten darauf galten schnell als ziemlich sicher, auch wenn ihre Namen erst am Sonntagvormittag offiziell bestätigt wurden.

Von der Leyen kann sich profilieren

Anders war es bei der CDU, sie hielt sich länger bedeckt. "Vielleicht wird es bei uns ja am überraschendsten", unkte ein Sprecher am Samstagvormittag. Und damit hatte er zweifellos recht. Die erste Sensation war da freilich schon durchgedrungen: Der langjährige Merkel-Gefährte und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla will sich aus der Politik zurückziehen.

Für Merkel kam dies wohl deutlich weniger überraschend als für die Öffentlichkeit. Seit der Bundestagswahl habe sie gewusst, dass diese Gefahr drohe, sagt sie am Sonntagabend. Aber Pofalla sei nicht dazu zu bewegen gewesen, seine Entscheidung zu revidieren.

Die zweite Sensation von CDU-Seite war die Benennung von Ursula von der Leyen zur neuen Verteidigungsministerin. Das hatte in Berlin bis dahin für wirklich niemand auf dem Zettel gehabt. Merkel dagegen offenbar schon lange. "Dieser Plan ist sehr alt", behauptet sie jedenfalls.

Neue Chance für de Maizière

Der bisherige Amtsinhaber Thomas de Maizière sei darüber nicht enttäuscht. Er sei immer sehr gerne Innenminister gewesen, sagt Merkel unter Anspielung auf dessen erste Amtszeit von 2009 bis 2011 in diesem Ressort. Sie habe ihn nach dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg beknien müssen, damit er das Verteidigungsressort übernahm.

Tatsächlich ist der Ressort-Wechsel für de Maizière wohl mehr Chance als Bestrafung. Hat er doch zuletzt in der Drohnen-Affäre sein bis dato hervorragendes Image ziemlich beschädigt. Nun kann er als Innenminister einen Neustart machen.

Für von der Leyen dagegen bietet das Verteidigungsressort die Möglichkeit zur Profilierung, auch im Hinblick auf die 2017 anstehende Merkel-Nachfolge. Von der Leyen hat bisher in jedem Ministerium, das sie leitete, wichtige Projekte auf den Weg gebracht und durchgesetzt. Dazu gehören Elterngeld, Kita-Ausbau und Mindestrente. Man kann nur gespannt sein, was ihr zum Thema Verteidigung einfällt.

Seehofer ließ warten

Zeitgleich mit Merkel stellte am Sonntagabend in München CSU-Chef Horst Seehofer die von ihm für das Kabinett Auserkorenen vor. Lange hatte er die Kandidaten zittern lassen. Erst am Samstagnachmittag griff Seehofer dem Vernehmen nach zum Telefon.

Dass er seinen Generalsekretär Alexander Dobrindt für dessen gelungenen Wahlkampf belohnen wollte, war schon länger klar. Als Verkehrsminister, der zudem noch den Bereich Digitales verantworten soll, wird Dobrindt künftig der wichtigste unter den CSU-Ministern sein.

Allerdings hat Seehofer Dobrindt mit dieser Entscheidung auch eine schwere Bürde aufgeladen: Er muss nun den Wahlkampfschlager der CSU, die Pkw-Maut für Ausländer, umsetzen. Dass dies ohne Belastungen für die deutschen Autofahrer und zugleich europarechtskonform überhaupt möglich ist, wird von vielen in CDU und SPD bezweifelt.