Die Deutschen sind ein bisschen spät dran. Wenn Ursula von der Leyen, 55, in dieser Woche ihr neues Amt als erste deutsche Verteidigungsministerin antritt, ist sie im Kreis der Ressortchefs in Europäischer Union und Nato längst nicht die erste Frau auf diesem Posten. Norwegen und die Niederlande haben Verteidigungsministerinnen, Frankreich hatte eine. Und die Erfahrungen aller dieser Länder haben gezeigt, dass ein Klischee bestimmt nicht zutrifft: Frauen an der Spitze der Truppe bedeuten keinesfalls, dass Verteidigungspolitik zu einer Veranstaltung von Weicheiern verkommt.

Allerdings ist es mit der Bundeswehr – noch – ein bisschen wie mit dem Fußball: So wie es Millionen von Bundestrainern in Deutschland gibt, gibt es Millionen von Männern, die vor Jahrzehnten ihren Wehrdienst geleistet haben – und seitdem Militärexperten sind. Auch wenn sich die Truppe in den zurückliegenden Jahren völlig verändert hat und der Kalte-Kriegs-Dienst in der alten Bundesrepublik mit der Einsatzarmee Bundeswehr kaum noch etwas zu tun hat. Genauso hartnäckig hält sich auch die Vorstellung, dass an der Spitze des Verteidigungsministeriums jemand mit militärischer Erfahrung stehen müsse.

Das hat schon bei den Männern nicht funktioniert, die in diesem Amt tätig waren (und es waren noch nicht einmal so viele Verteidigungsminister, die zuvor zum Wehrdienst antraten). Franz-Josef Jung erinnerte bei jeder Gelegenheit daran, wie er als junger Wehrpflichtiger 1968 während des Einmarschs sowjetischer Truppen in Prag in Alarmbereitschaft versetzt wurde, Karl-Theodor zu Guttenberg punktete mit seiner Zeit als Gebirgsjäger. Auf die politischen Entscheidungen, die sie im Regierungsamt treffen mussten, hatte das ähnlich wenig Einfluss wie die Erfahrungen des Panzergrenadiers Thomas de Maizière mit den ersten Marder-Schützenpanzern in den 1970er Jahren.

Der frühere SPD-Verteidigungsminister Peter Struck dagegen avancierte im vergangenen Jahrzehnt zum beliebtesten Ressortchef der Truppe – und setzte vergleichsweise geräuschlos eine deutliche Verkleinerung der Bundeswehr durch. Längst nicht allen Soldaten war bewusst, dass "Kumpel Peter" nie zum Wehrdienst einberufen wurde.

Auch wenn viele der ersten männlichen Reaktionen in den sozialen Netzwerken und zum Teil auch in großen Medien von dieser Mischung aus scheinbarer Bundeswehr-Kenntnis und Unverständnis geprägt waren: An der Spitze des Verteidigungsministeriums wird keine "Mutter der Kompanie" gebraucht, sondern eine Mischung aus Managerin und nüchtern kalkulierender Außenpolitikerin. Das Verständnis für die besonderen Belange einer Organisation wie der Bundeswehr, für die emotionale Faktoren ebenso eine Rolle spielen wie die harten Fakten, lernt eine Ressortchefin (oder ein Ressortchef) im Amt – oder eben nicht, unabhängig vom Geschlecht.

Viel Zeit zum Lernen wird die neue Verteidigungsministerin allerdings nicht bekommen. Das erste große Ereignis auf EU-Ebene, der Gipfel der Staats- und Regierungschefs zu Europas gemeinsamer Sicherheits- und Verteidigungspolitik schon in dieser Woche, steht zwar ganz im Zeichen der Kanzlerin. Doch dort wird sicherlich die Frage eine Rolle spielen, was die anderen Länder von der wirtschaftlich stärksten Nation Europas auf diesem Feld erwarten.

Das könnte von der Leyen gerade von einer anderen Frau zu hören bekommen: Ihre niederländische Kollegin Jeanine Hennis-Plasschaert hatte Anfang November in einer Rede vor dem Europaparlament nicht nur eine engere Zusammenarbeit der Militärs in Europa angemahnt, sondern auch mehr Zuverlässigkeit in dieser Zusammenarbeit gefordert: "Zuverlässige Partner ziehen ihre geteilten Fähigkeiten nicht in der letzten Minute zurück."

Welche Sicherheitspolitik verfolgt Deutschland künftig?

Das war durchaus als Seitenhieb auf den großen Nachbarn Deutschland zu verstehen, der zwar Soldaten in gemeinsame Einheiten wie die AWACS-Aufklärungsflugzeuge der Nato schickt, bei Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung seine Besatzungsmitglieder aber in der Vergangenheit auch wieder abzog und damit das System an den Rand der Unbenutzbarkeit brachte. Wie die neue deutsche Verteidigungsministerin da künftig agiert und wie sie die Zusammenarbeit mit den Bündnispartnern organisiert, wird international weit mehr Aufmerksamkeit bekommen als die Frage, wie sich eine Frau als oberste Befehlshaberin der Bundeswehr in Friedenszeiten verhält.

In Deutschland schaut die Truppe dagegen mit Spannung darauf, wie die neue Frau an der Spitze die von ihrem Vorgänger begonnene Reform der Bundeswehr, die Neuausrichtung, weiter umsetzt. Viele Soldaten fühlen sich angesichts der tiefgreifenden Umwälzungen alleingelassen – zwar hatte ihnen der scheidende Minister de Maizière schon lange Klarheit über ihren künftigen Arbeitsort versprochen, doch genau diese Klarheit fehlt noch.

Für die Pendlerarmee Bundeswehr – immer mehr Soldaten ziehen nicht mehr mit der ganzen Familie an einen neuen Standort, sondern arbeiten nur noch während der Woche dort – werden da die Kenntnisse und Erfahrungen der ehemaligen Arbeits- und Sozialministerin gefragt sein: die Attraktivität einer Truppe, die nach dem Ende der Wehrpflicht mehr denn je um Nachwuchs werben und teilweise bangen muss, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und schwierige Detailfragen bis hin zum Kita-Platz für die Kinder von Soldatinnen sind zwar zunächst keine militärischen oder sicherheitspolitischen Probleme, aber für das Funktionieren der Streitkräfte zunehmend wichtig.