ZEIT ONLINE: In einem Pilotprojekt will der Arbeitgeberverband Pflege bis Ende des Jahres 150 chinesische Fachkräfte nach Deutschland holen, um den Mangel in der Branche zu lindern. Die ersten fünf Mitarbeiter haben jetzt in einer ihrer Einrichtungen begonnen. Wie machen die sich?

Elke Bachmann-Görl: Sie verbreiten chinesische Lebensfreude im Seniorenheim in Frankfurt am Main. Bewohner und Kollegen sind voll des Lobes. Mit den Kollegen hat es schon gemeinsame asiatische Kochabende gegeben, Ende des Monats feiern wir in der Einrichtung gemeinsam das chinesische Neujahrsfest. Darauf freuen sich alle sehr.

ZEIT ONLINE: Was machen chinesische Pflegekräfte anders als deutsche?

Bachmann-Görl: Ich bin ja für die Personalgespräche nach China gefahren, um ein Gefühl für Land und Leute zu bekommen. Was ich auf meiner Reise erlebt habe ist, dass diese jungen Menschen einen großen Respekt vorm Alter haben. Sie sind meistens bei ihren Großeltern aufgewachsen, da die Eltern arbeiteten. Dadurch sind sie also in ihrer Familie schon mit pflegebedürftigen Menschen in Kontakt gekommen. Sie haben ein ganz natürliches Verhältnis zu Demenzpatienten, zu alten, pflegebedürftigen Menschen. Sie gehen völlig unängstlich und ohne Vorbehalte auf diese Menschen zu.

ZEIT ONLINE: Was sagen ihre Kollegen, die chinesischen Personalchefs dazu, dass ihre Fachkräfte von Deutschland abgeworben werden?

Bachmann-Görl: Es besteht ein großes Interesse in China, im Ausland Know-how zu sammeln, denn sie müssen die Branche ja erst aufbauen. In China gibt es so gut wie keine Altenheime, die meisten alten Menschen werden, wie gesagt, in ihren Familien gepflegt. Aber die Chinesen wissen, dass sie etwas tun müssen, denn die Folgen der Ein-Kind-Politik werden irgendwann sichtbar und es wird mehr ältere, pflegebedürftige Menschen geben und weniger Kinder, die sie pflegen können. Deshalb beginnen sie jetzt, Personal zu schulen, das Erfahrungen im Ausland sammelt und dann irgendwann zurückkommt.

ZEIT ONLINE: Sind die chinesischen Fachkräfte in der deutschen Pflegebranche ohne weiteres einsetzbar?

Bachmann-Görl: Die ersten Mitarbeiter, die jetzt zu uns kommen, haben bereits ein einjähriges Pflegepraktikum gemacht, an einem achtmonatigen interkulturellen Training und einer Sprachausbildung teilgenommen und haben einen Bachelor-Abschluss. Damit sind sie hier quasi sofort einsetzbar. Die sind natürlich hochqualifiziert, aber wir brauchen in Zukunft auch mehr einfache Pflegekräfte. Derzeit haben wir noch das Problem, dass der chinesische Abschluss Advanced Diploma, der in etwa dem deutschen Krankenpfleger entspricht, in Deutschland nicht anerkannt wird. Die skandinavischen Länder oder Großbritannien sind da weiter und werben mehr Fachkräfte ab.

ZEIT ONLINE: Warum muss man bis nach China schauen? Was ist mit Pflegekräften aus Europa?

Bachmann-Görl: Wir richten unseren Fokus nicht nur auf China. Bei uns sind schon jetzt spanische, tschechische und ungarische Pflegekräfte beschäftigt. Und wir werden unseren Fokus sicherlich auch auf Rumänien und Bulgarien richten. Aber die Personallücken sind damit allein nicht auszugleichen. In der Branche fehlen 40.000 Fachkräfte. Manchmal haben wir zudem bei Nachbarländern das Problem, dass die Kollegen am Wochenende zu ihren Familien reisen und wir Schichten nicht besetzen können. Das ist bei den Chinesen durch die Entfernung natürlich anders.

ZEIT ONLINE: Dauerhaft kann es nicht die einzige Lösung sein, ausländische Fachkräfte anzuwerben. Muss der Pflegeberuf für deutsche Jugendliche attraktiver werden?

Bachmann-Görl: Es wird oft gesagt, es liege am Geld. Ich glaube aber nicht, dass es das Entscheidende ist. Die deutsche Pflegefachkraft verdient im Durchschnitt 2.400 Euro brutto plus Zuschläge. Im Verhältnis zu den psychischen und physischen Anstrengungen natürlich nicht sehr viel, aber auch nicht zu wenig. Ich denke, wir müssen zeigen, welche Chancen, dieser Job bietet. Sie haben alle Möglichkeiten der beruflichen Weiterbildung.

Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich habe als Pflegehilfskraft angefangen und bin heute Personalchefin eines großen Pflegeunternehmens. Und es droht in dieser Branche keine Arbeitslosigkeit – definitiv nicht.