Ach, wie war es doch vordem für die Deutschen bequem: Sie waren für das Wahre, Gute, Schöne zuständig, machten sich als Kriegsschuldige international klein und gaben sich besten Gewissens ihrer nach 1945 neu entdeckten pazifistischen Gesinnung hin. Die Schmutzarbeit – militärische Interventionen in Krisenherden der Welt – erledigten andere, vornehmlich Amerikaner, Briten und Franzosen.

Mit dieser selbstgefälligen Selbstbeschränkung ist es seit einer ganzen Weile vorbei. Das geeinte, nun auch politisch wieder mächtige Deutschland beansprucht nicht nur, sondern trägt internationale Verantwortung. Dementsprechend hat es sich schon an einer Reihe von Kriegen (die natürlich nicht so genannt wurden) beteiligt: in Somalia, Bosnien, im Kosovo und vor allem in Afghanistan.

Doch die allermeisten Deutschen und auch große Teile der Politik wollen davon nichts mehr wissen. Sie sehnen sich nach der Zeit zurück, als niemand deutsche Soldaten rief. Propagiert wird stattdessen wieder eine angebliche bewährte "Kultur der militärischen Zurückhaltung". Denn die Politiker, allen voran Kanzlerin Merkel, haben gelernt: Mit Auslandseinsätzen ist nicht viel zu gewinnen, weder auf dem Feld und erst recht nicht bei den Wählern. 

Deshalb ist es mutig, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier und  Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nun angekündigt haben, dass sich Deutschland in der Zentralafrikanischen Republik und stärker als bisher in Mali militärisch engagieren wird. 

Aber sofort greifen die alten Reflexe: Die Bundeswehr sei dazu gar nicht in der Lage; die Militäreinsätze in Afrika seien sinnlos, das sei auch die Lehre aus Afghanistan; überhaupt, was gehen uns Konflikte auf dem fernen Kontinent an?, heißt es.

Bemerkenswert ist, dass außer einigen Christ- und Sozialdemokraten gerade Grüne den Vorschlag unterstützen. Ausgerechnet sie, die einst die Speerspitze des deutschen Pazifismus waren. Alle anderen weigern sich, Lehren aus der jüngeren Vergangenheit zu ziehen.

Pflicht zur Intervention

Denn spätestens seit dem Bosnien-Krieg ist klar, dass es nicht nur ein Recht, sondern geradezu eine Pflicht gibt, militärisch zu intervenieren, wenn sich Völkermorde, ethnische Vertreibungen und andere schwere Kriegsverbrechen anders nicht vermeiden lassen. In Srebrenica hätte – das ist heute Allgemeingut – energisches Eingreifen ausländischer Truppen das serbische Massaker an Tausenden Muslimen verhindern können. In Ruanda wäre eine Million Tutsi nicht einem Völkermord zum Opfer gefallen, wenn die internationale Staatengemeinschaft und die UN nicht feige weggesehen hätten.

Aber Afghanistan habe doch gezeigt, halten die Kritiker entgegen, dass selbst ein langer Einsatz ausländischer Truppen ein Land nicht befrieden könne. Doch war es deshalb von Anfang an falsch, am Hindukusch zu intervenieren? Hätte man lieber die Taliban als Unterdrücker der eigenen Bevölkerung und Förderer des internationalen, auch Deutschland bedrohenden islamistischen Terrors an der Macht lassen sollen? War es nicht eher der Fehler, dort nicht gleich mit wesentlich mehr Soldaten einzumarschieren und rascher und mit mehr Mitteln einen friedlichen Aufbau zu unterstützen, wie jetzt auch eine Denkschrift der Evangelischen Kirche beklagt?