Die erbarmungslose Spaltung der Menschheit in Nord und Süd, in Arm und Reich – sie bleibt das bedrängende Großthema auch im neuen Jahr. Möglich, dass es uns 2014 mit neuer Wucht begegnet.

Wobei die deutsche Debatte über sogenannte Armutswanderung eher ablenkt; denn die Rumänen und Bulgaren, die sich da nach Ansicht der CSU in unsere Sozialsysteme einschleichen wollen, bedrohen unseren Reichtum nicht; nach Auskunft aller Experten werden sie ihn eher mehren.

Die Probleme liegen ganz woanders, und sie können einem schon Angst machen – Angst nicht um unseren Wohlstand, sondern um einen Grundbestand an Gerechtigkeit und an fairem Ausgleich auf diesem Planeten.

Wer das Glück hatte, den Jahreswechsel in Rom verbringen zu dürfen, dem stand dies in aller Klarheit vor Augen. Beim Angelus-Gebet am Neujahrstag rief Papst Franziskus von seinem Fenster hoch über dem Petersplatz in aufrüttelnden Worten zu "Gerechtigkeit und Frieden" auf. Dieser Papst, der sich nicht abfinden will mit einer "Wirtschaft des Ausschließens", zürnt über einen Weltkapitalismus, der die Gräben zwischen Arm und Reich immer dramatischer aufreißt.

Und dieser Graben offenbarte sich den Frommen schon beim Weg zurück vom Petersplatz in das historische Zentrum Roms. Da waren die Bettler, die sich vor den Gläubigen in den Schmutz warfen. Und da waren die fliegenden Händler – Afrikaner, Araber, Südasiaten – die zu Aberhunderten auf der Via della Conciliazione und auf den Tiber-Brücken die vorbeikommenden Europäer, Amerikaner, Japaner und Chinesen bedrängten, ihnen Papstfähnchen, Sonnenbrillen, Schnitzarbeiten, Tücher und Postkarten entgegenstreckten.

Man kennt diese fliegenden Händler seit vielen Jahren von allen Rändern des Mittelmeers, wie sie die Flucht ergreifen, sobald sich die Polizei naht. Aber jetzt standen sie hier in nie gesehener Zahl. Unwillkürlich fragte man sich: Wie viele dieser Elenden mögen in ihren Booten vor Lampedusa an Land gespült worden sein?

Man sah sich kurz in die Augen, die Worte des Papstes in den Ohren: "Jeder von uns muss sich einbringen, damit wir eine wirklich gerechte und solidarische Gesellschaft schaffen können." Aber was kann der Einzelne in seiner Scham tun, damit den Vielen Gerechtigkeit widerfährt?

Zum Beispiel in Kambodscha, wo die Textilarbeiter über die Feiertage gegen die Hungerlöhne in ihren Fabriken auf die Straße gingen und mindestens drei Demonstranten von der Polizei erschossen wurden. Die Arbeiter verlangen, dass ihre Monatsgehälter von 80 Dollar auf 160 Dollar steigen sollen. Zu viel verlangt?

Zum Beispiel in Bangladesch, wo die Näherinnen noch übler dran sind. Wo im April 2013 beim Einsturz einer achtstöckigen Textilfabrik mehr als 1.100 Menschen starben. In Bangladesch liegen nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) die Mindestlöhne bei 39 Dollar pro Monat. In Indien betragen die niedrigsten Löhne in der Textilindustrie 71 Dollar, in Sri Lanka 73 Dollar, in Vietnam 78 Dollar. Im Monat!

Gegen diese Ungerechtigkeit hilft keine private Barmherzigkeit, so großherzig diese auch sein mag; es hilft allein eine Wirtschaftsordnung, die denen einen fairen Lohn garantiert, die in ihrer Heimat für uns schuften. Arbeit dorthin zu bringen und anständig zu bezahlen – das ist die zentrale soziale Herausforderung, vor der Politik und Wirtschaft in den hochindustrialisierten Staaten stehen. Noch immer.

Etwas kann schließlich der Einzelne schon tun. Ein klein wenig Macht hat auch er, als Verbraucher. Niemand sollte sich ein T-Shirt für zehn Euro oder weniger kaufen!

Auf eines aber können wir verzichten, auf Angstkampagnen und niederträchtigen Populismus ("Wer betrügt, der fliegt"). Und auf den Vorschlag, EU-Bürgern zur Begrüßung in Deutschland die Fingerabdrücke zu nehmen