Wer wählt, will wissen, wofür er stimmt. Und vor allem: für wen er stimmt. Das klingt banal, war aber bei Europawahlen bislang nicht selbstverständlich. Abgestimmt wurde (und wird) über Parteilisten in den einzelnen Mitgliedsländern, die Spitzenposten in der EU wurden in der Vergangenheit stets nach der Wahl von den Regierungschefs ausgekungelt.  

Zumindest das soll sich dieses Mal ändern. Bei der Europawahl im Mai treten alle großen Parteifamilien zum ersten Mal mit europaweiten Spitzenkandidaten an, die zugleich als Anwärter für das Amt des Kommissionspräsidenten gelten. 

Doch während Sozialdemokraten, Grüne, Liberale und Linke nach und nach ihre Kandidaten benennen, steht ausgerechnet die Europäische Volkspartei (EVP), die größte Parteiengruppe, zu der auch CDU und CSU gehören, vier Monate vor der Wahl noch immer ohne Kandidat da. Es gibt zwar viele Spekulationen, wen die EVP ins Rennen schicken könnte. Genannt werden der langjährige Luxemburger Regierungschef Jean-Claude Juncker, IWF-Chefin Christine Lagarde, der irische Regierungschef Enda Kenny oder Polens Premierminister Donald Tusk. Doch zu jedem Namen gibt es auch ein Aber: Der eine ist nicht mehr ganz frisch, die andere in Europas Krisenländern schwer vermittelbar, der dritte spricht nur Englisch, der vierte nicht mal das besonders gut.  

Und über der ganzen Auswahl liegt die grundsätzliche Frage: Kann man überhaupt in 28 Ländern mit 24 verschiedenen Sprachen einen Wahlkampf mit einem Kandidaten führen?

"Ein Team aus drei oder vier Persönlichkeiten"

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat die Diskussion innerhalb der EVP deshalb nun mit einem kühnen Vorschlag bereichert. "Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Europäische Volkspartei nicht mit einem einzigen Spitzenkandidaten zur Europawahl antritt, sondern mit einem Team aus drei oder vier herausragenden Persönlichkeiten", sagte Lammert ZEIT ONLINE bei einem Besuch in Brüssel. "Diese sollten aus unterschiedlichen Ländern kommen, um so die Präsenz und Reichweite für die nach wie vor nationalen Öffentlichkeiten während des Wahlkampfs zu erhöhen."

Statt einem oder einer Kandidatin ein Team – das klingt wie eine Verlegenheitslösung. Denn wer aus dem Team wäre am Ende der Kandidat für die Kommissionsspitze? Ausgerechnet die Zuspitzung, die durch die Personalisierung erreicht werden soll, stünde infrage.

Doch Lammert lässt diesen Einwand nicht gelten. "Ein Team wäre auch deshalb angemessen", sagt er, "weil nach der Europawahl eine Reihe europäischer Spitzenpositionen neu besetzt werden müssen, nicht nur das Amt des Kommissionspräsidenten." Tatsächlich endet im Herbst nicht nur die Amtszeit des Portugiesen José Manuel Barroso an der Spitze der Kommission, auch für Ratspräsident Herman Van Rompuy und die Außenbeauftragte Catherine Ashton müssen Nachfolger gefunden werden.