Winfried Hassemer war der nationalen Öffentlichkeit erst richtig als Verfassungsrichter in Karlsruhe von 1996 an bekannt geworden. Erst recht seit 2002 als Vorsitzender des zweiten Senats und Vizepräsident des höchsten Gerichts – ein Amt, das er bis 2008 innehatte. 

Diese Krönung einer hervorragenden Juristenlaufbahn lässt aber nicht erkennen, welchen weiten, erstaunlichen Weg Hassemer dorthin zurückgelegt hatte, wo er so bedeutsame Urteile wie das über den ersten, gescheiterten NPD-Verbotsantrag oder die vorzeitige Auflösung des Bundestags 2005 mitgeprägt hatte.

Hassemer war nach dem ersten juristischen Staatsexamen zunächst von 1964 an wissenschaftlicher Assistent des Saarbrücker Strafrechtlers und Rechtsphilosophen Arthur Kaufmann, der wiederum der letzte und bedeutende Schüler des großen Gustav Radbruch gewesen war. Hassemer wuchs schnell zum Meisterschüler Kaufmanns heran, was unter anderem schon seine ungemein exzellente Dissertation unter Beweis stellte.

Damals war Winfried Hassemer, wenn wir das recht eingeschätzt hatten, wie Kaufmann selber, noch von seinem katholischen Hintergrund geprägt und neigte wohl, wie sein Bruder, der ebenfalls öffentlich hervorgetretene Volker Hassemer, eher der CDU zu; jedenfalls war er Stipendiat der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk und, das schon in Heidelberg, Sprecher der Katholischen Studentengemeinde. 

Das führte übrigens, als ich als Drittsemester plötzlich ohne Finanzmittel dastand, zu seiner verblüffenden Frage: "Sind Sie denn wenigstens katholisch?" Als ich, solider Protestant, das verneinen musste, fügte er zur Erläuterung hinzu: "Schade, Kaufmann ist nämlich hier Vertrauensdozent des Cusanuswerks." (Beide, Hassemer und Kaufmann setzten sich dann nachhaltig für meine Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes ein – unvergesslicher Dank beiden!)

Ein – paradoxerweise – moderner Konservativer

Langsam aber sicher entwickelte sich Hassemer aus seinem Ursprungsmilieu heraus – auch als Strafrechtler, der seinem Lehrer in dessen neuthomistischer Ausrichtung (Das Schuldprinzip) nicht mehr folgen wollte, was dieser in seiner bewegenden Toleranz hinnahm. Hassemer wollte in einer Diskussion nur noch modernen, rationalen Strafzwecken Raum geben, meinte aber – als Konzession an seinen geachteten Lehrer –, das Schuldprinzip begrenze jedenfalls die Strafe nach oben. Darauf Kaufmann: "Wie wollen Sie die Strafe durch die Schuld begrenzen, wenn Sie sie nicht durch die Schuld begründen können?"

Aus diesen paradoxerweise modern wertkonservativen Anfängen wurde Hassemer zu so etwas wie einem liberalen und milde sozialdemokratischen Rationalisten, dem ein beträchtliches Maß an unkonventionellem Scharfsinn (und an kaustischem Humor) zu Gebote stand, was ihn auch immer wieder erfrischend anecken ließ. So zum Beispiel, wenn er keine rationalen Gründe für das Inzestverbot erkennen konnte. Oder in der mündlichen Verhandlung über die vorzeitige Bundestagsauflösung, als er als Senatsvorsitzender auf den Hinweis eines Anwalts, in Demokratien seien Wahlen nichts Verfehltes, so trocken konstatierte, dass die Ironie aufblühte: "Das kann man so sagen!" (Überhaupt seine souverän lockere Sitzungsleitung, die gelegentlich beinahe an verfassungswidrigen Unernst grenzte…)

Bevor Hassemer an das Bundesverfassungsgericht berufen wurde, war er, der 1973 einen Ruf als Strafrechtler und Rechtstheoretiker an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main erhalten hatte, von 1991 bis 1996 Landesbeauftragter für Datenschutz in Hessen gewesen: Welch' Reichtum an Begabung und Rollen!

Ein letzter Blick zurück, denn unpersönlich lässt sich das alles nicht erinnern: Arthur Kaufmann war 1969 von Saarbücken nach München gerufen worden, Hassemer wollte mit ihm gehen und fragte mich als Studenten, ob ich mir das nicht auch durch den Kopf gehen lassen wollte. In München fuhren wir an einem durchsonnten Frühlingsabend durch die dortige Sendlinger Straße, über der der grüne Schriftzug Süddeutsche Zeitung strahlte. Dort oben einmal zu arbeiten, welche Traum! Schon 1970 war es dann soweit.

So hat Hassemer zu Beginn wie am Ende meines Studiums mir Wegmarken gesetzt. Nun ist der nahe Förderer und fernere Freund im Alter von 73 nach schwerer Krankheit gestorben. Ob er sich in Erinnerung an alte Zeiten den Wunsch wohl gefallen ließe: Requiescat in pace…?