"Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen." Genau ein Jahr ist es her, dass dieser nie dementierte Satz des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle zur stern-Journalistin Laura Himmelreich für große Aufregung sorgte. Mit dem Sexismus-Vorwurf, den Himmelreich erhob, hatte sie offenbar einen Nerv getroffen. Das ungeheure Ausmaß der positiven wie negativen Reaktionen kam auch für sie selbst völlig überraschend.

Im Dezember beschrieb Himmelreich, wie ihr damals geschah. Sie wurde beschimpft, mal als wehrloses Lockmäuschen, das ihre Chefredaktion auf Brüderle angesetzt habe, mal als kalte Strategin. Man hat ihr sogar künstliche Schamhaare geschickt. Sie sei, so Himmelreich, nach diesen Erfahrungen, heute eine "überzeugtere Feministin". Als Journalistin wird Himmelreich sehr genau wissen, wie lange sie brauchen wird, um den unschönen Stempel, den sie nun hat, wieder los zu werden. "Himmelreich. Das war doch die mit dem Dirndl?" Auch das ist ein Ergebnis dieser Affäre.


 Zwischen den Zeilen lässt die 30-Jährige auch erkennen, dass manch heftiger Angriff, den Brüderle infolge ihres Artikels zu ertragen hatte, ihr heute leid tut. Der FDP-Spitzenpolitiker schwieg damals eisern zu der Debatte, entschuldigt hat er sich nie. Er wurde vorsichtiger im Umgang mit Journalisten. Heute ist Brüderle Geschichte, allerdings nicht wegen der Sexismus-Debatte, sondern weil er die Wahl verloren hat. 

Auf dem Sofa und in der Talkshow

Hat die Diskussion auch die Gesellschaft – auch uns – verändert? Blickt man nun, ein Jahr später, zurück, stellt sich diese Frage. 

Im Januar 2013 jedenfalls wurde nicht nur in Fernsehtalkshows, sondern auch zu Hause auf dem Wohnzimmersofa, in der Kneipe und im Kollegenkreis plötzlich über Fragen diskutiert, die bis dahin als ziemlich überholt gegolten hatten: Wie sexistisch ist unsere Gesellschaft? Was muss sich ändern? Wer übertreibt? Und was ist eigentlich mit den Männern? 

Es wurde offen geredet, nachgedacht. Über Grenzen, die bewusste und unbewusste Herabstufung von Frauen. Über Komplimente und Herrenwitze. Einen nicht unerheblichen Anteil an der Explosion dieser Debatte hatte die Feministin Anne Wizorek.  

Der #Aufschrei

 "wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor", schrieb sie in der Nacht zum 25. Januar 2013 auf Twitter. Und war selbst überrascht, was dann folgte: Tausende Reaktionen, von Frauen, auch von Männern. Alltagssexismus wurde beschrieben: Ekelhafte Übergriffe, dumme Witze, ärgerliche Kommentare.  

Viele haben sich Luft gemacht. "Ich heule gerade, aber hört nicht auf", twitterte Wizorek damals. Die Initiatorin von #aufschrei und ihre Mitstreiter sprechen heute von rund 60.000 Tweets in nur zwei Wochen (einige sind hier gesammelt). Genau nachzählen kann sie niemand mehr.  #aufschrei gewann einen Grimme-Award, weil es erstmals ein Hashtag schaffte, ein Thema an Politik und Medien, sozusagen in die Offline-Welt, zurückzuspielen.

Viele sind sensibilisiert worden

"Ich denke schon, dass die Diskussion und der Hashtag ein Tabu gebrochen haben. Viele sind so für das Thema sensibilisiert worden", sagt Wizorek heute. Tatsächlich wird unter dem Hashtag bis heute auf Sexismus hingewiesen. Zum Beispiel wenn wie letzten Sonntag im Tatort der Kommissar über eine Frau sagt, diese könne nie im Leben vergewaltigt worden sein. "Die ist nicht der Opfertyp." Diese fragwürdige Drehbuchzeile des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wäre vielleicht ohne die heftige Debatte vor einem Jahr nicht auf so viel Widerspruch gestoßen.