Vor genau einem Jahr wurde in Deutschland engagiert über Sexismus diskutiert. Auslöser war damals ein Porträt der Stern-Journalistin Laura Himmelreich über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. Doch die Debatte ging schnell darüber hinaus. Auf Twitter berichteten unter #aufschrei Tausende Frauen über Erfahrungen, die sie als sexistisch empfanden. ZEIT ONLINE wollte wissen, wie die Deutschen heute über diese Debatte denken und welche Schlüsse sie daraus gezogen haben.

Eine sehr große Mehrheit von 72 Prozent ist der Meinung, dass in der Sexismus-Diskussion die Männer zu kurz kommen, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE ergab.

Frauen sehen dies mit 75 Prozent sogar noch häufiger als Männer (68 Prozent). Bei dieser Wahrnehmung spielt das Alter der Befragten kaum eine Rolle.  Es gibt also keine Anzeichen dafür, dass zum Beispiel die jüngere Generation sensibilisierter gegenüber der Situation von Männern ist.

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Gefragt wurde natürlich auch nach den Sexismus-Erfahrungen von Frauen. Wir wollten wissen: Leben wir in Deutschland in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen immer wieder Erfahrungen mit Sexismus machen?

Die Deutschen sind an diesem Punkt unentschlossen. 44 Prozent sind dieser Ansicht, 47 Prozent sagen, sie können einer solchen Annahme eher nicht zustimmen. Frauen (55 Prozent) glauben deutlich eher an eine männlich dominierte Gesellschaft als Männer (33 Prozent).

Dabei ist interessant, dass Befragte im Alter von 35 bis 44 Jahren mit 38 Prozent am wenigsten daran glauben, dass die Gesellschaft männlich dominiert ist. Dabei ist dies das Alter, in dem Bürger normalerweise Karriere machen und eine Familie gegründet haben, also womöglich vermehrt Erfahrungen mit Sexismus machen.         

Der Anteil derjenigen, die Sexismus gegen Frauen als Problem empfinden ist in West (44 Prozent) und Ost (45 Prozent) fast gleich. Ein unterschiedlicher Sozialisationshintergrund macht also offenbar keinen Unterschied.

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Zudem war die heftig und emotional geführte Sexismus-Debatte des vergangenen Jahres nur für die wenigsten ein Anlass, das eigene Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht zu überdenken. Lediglich 24 Prozent der Befragten geben dies an. 70 Prozent sagen, sie hätten nicht über sich nachgedacht. Dabei ist der Anteil unter Frauen (71 Prozent) und Männern (70 Prozent) fast gleich hoch.

Bei den jüngsten Befragten hat die Sexismus-Debatte am ehesten zu einer Reflexion geführt. Von den 18-24-Jährigen sagen 36 Prozent, sie hätten über eigene Verhaltensmuster nachgedacht, so viele, wie in keiner anderen Altersgruppe. Bei den über 55-Jährigen waren es nur 17 Prozent.

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Diese Umfrage wurde in Kooperation mit dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt. Sie basiert auf Online-Interviews mit Teilnehmern des YouGov-Panels, das weltweit bereits 2,5 Millionen Mitglieder zählt. Für die vorliegende Umfrage befragte YouGov vom 20. bis 22. Januar 1.014 Menschen.