Grüne Ska Keller : Jung, freundlich, gefährlich

Sie ist 32 und schon Europas Spitzen-Grüne. Nun fordert sie das alteingesessene Partei-Establishment heraus. Wer ist Ska Keller?
Ska Keller © Bernd Settnik/dpa

Ein bisschen "rumüberlegt" und noch mal drüber geschlafen habe sie, sagt Franziska Keller, genannt Ska. Die 32-Jährige sitzt in einem Café in Berlin-Kreuzberg, ihr Handy surrt und surrt, sie hat keine Zeit, die Glückwünsche und Interviewanfragen entgegenzunehmen. So geht das, seitdem sie am Mittwoch per Online-Voting zur europäischen Spitzenkandidatin der Grünen gekürt wurde.  Vor ein paar Stunden hat sie außerdem angekündigt, dass sie auf dem Parteitag der Grünen in Dresden kommendes Wochenende für Platz 1 der deutschen Liste zur Europawahl am 25. Mai kandidieren will.

Damit greift Ska Keller die erfahrene EU-Politikerin Rebecca Harms an, die sich für die deutsche Liste lange als gesetzt wähnte: Die Bundespartei hatte die 57-jährige Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament im September nominiert. Bisher war Harms die grüne Spitzenfrau der Deutschen in Europa. Jetzt ist dieser Platz plötzlich angefochten. 

Für Keller ist die Kandidatur in Dresden der nächste logische Schritt. Überraschend hatte sie in dieser Woche gemeinsam mit dem Franzosen José Bové das Online-Voting zur Auswahl zweier transnationaler Grünen-Spitzenkandidaten gewonnen. Die "Green Primary" war zwar ein ziemlicher Flop, was die Teilnahmezahlen betraf. Aber sie hatte eben auch ein deutliches Ergebnis. Ska Keller siegte mit 11.700 Stimmen vor Rebecca Harms, die nur auf 8.000 Stimmen kam. Seitdem streiten Keller- und Harms-Freunde darüber, wie repräsentativ eine Online-Abstimmung sein kann, an der nur ein Bruchteil der (deutschen) Grünen überhaupt teilgenommen hat.

Kein Jackett ist ein Statement

Doch Keller ist machtbewusst genug, um zu wissen, dass man Chancen ergreifen muss, wenn sie sich einem bieten. "Nicht nur Opa für Europa" war ihr Wahlkampfslogan, als sie sich 2009 erstmals für das Europaparlament bewarb und prompt einzog. Auf ihrer Website beklagt sie noch heute, dass in der EU-Volksvertretung "vor allem Männer um die 50 und aufwärts in Anzügen" sitzen. Tatsächlich sticht die 32-Jährige heraus, "ich hab eben an, was ich anhabe", ein Jackett ist kein Selbstzweck, kein Jackett ist außerdem ein Statement.

Schon im Wahlkampf zur Green Primary, als die vier Kandidaten durch Europa tourten und Online-Videochats veranstalteten, warb Keller für sich als frisches Gesicht. Am Ziel angekommen, als transnationale Spitzenkandidatin, will sie sich vermehrt um soziale Belange in der EU kümmern und auch die Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Ländern besonders in den Blick nehmen. Keller weiß: Seit der Bundestagswahl ist viel von "personeller Erneuerung" bei den Grünen die Rede– selbst nach dem Abtritt von Jürgen Trittin, Claudia Roth und Renate Künast. Rebecca Harms, ihre Konkurrentin, gehört in diese Generation.

Europa als Selbstverständlichkeit

Die Jugend ist Kellers Trumpf, sicher nicht der einzige, denn sie ist klug, intelligent und fleißig. Aber das mit dem Jungsein weiß sie besonders auszuspielen. Europa, sagt sie stets, sei ihr Zuhause, fast eine Selbstverständlichkeit für ihre Generation. Dabei wuchs Keller in der DDR auf, in Brandenburg. Sie war mal Punk, das steht in jedem Porträt über sie. "Ich hab einiges an Subkulturen ausprobiert", sagt sie lachend. Fünf Sprachen spricht Keller fließend, selbst Katalanisch, die komplexe spanische Regionalsprache, versteht sie, das Türkisch ist "leider eingerostet", bedauert sie. 

Eine Wohnung hat sie in Brüssel, wo sie mit ihrem finnischen Ehemann lebt, eine in Berlin, wo der Kaktus vertrocknet. Sie ist nie da. In den letzten drei Monaten habe sie wegen des europaweiten Primary-Wahlkampfes sechs Nächte in beiden Wohnungen geschlafen. Gleich geht es weiter nach Kassel, Neujahrsempfang, morgen nach Norddeutschland. Das Berliner Café, in dem sie zum Gespräch empfängt, ist so kosmopolitisch wie sie: An der Theke sprechen sie untereinander Spanisch und Italienisch, mit den Gästen Deutsch.

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Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Ich bin davon ausgegangen...

...dass nationale oder Europaabgeordnete (insbesondere die Prominenteren) Mitarbeiter haben, die sich neben dem Beantworten von Post, Terminplanung, Parteiarbeit etc. auch um eine halbwegs korrekte Darstellung auf den Seiten kümmern, auf denen sich Bürger hauptsächlich über die Vita ihrer, ihnen bis dahin nicht bekannter Volksvertreter hauptsächlich informieren. Auf Ska Kellers Seite habe ich auch geschaut. Da habe ich unter Vita auch nichts zu einem etwaigen beruflichen Werdegang außerhalb der Politik gefunden. Wie es scheint, ist es den meisten Mitdiskutanten hier ähnlich ergangen. Haben Sie Andere Informationen?

Selektiv/Isoliert betrachtet,

könnte man zu dem von Ihnen getroffenen Schluß kommen.

Meinen gesamten Kommentar im Auge und den Artikel im Hinterkopf kommt mann/frau aber zu einem ganz anderen Fazit.

Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse kann sich Frau Keller wahrscheinlich mit jedem EU-Abgeordneten direkt ohne Dolmetscher unterhalten.

Dies ermöglicht innereuropäische Kontakte ganz anderer Qualität. Es sind dadurch viel weniger Mißverständnisse untereinander möglich.

Und dies sind u.a. genau die Qualifikationen, die ich von einen EU-Abgeordneten in der heutigen Zeit erwarte.

Mann/frau kann meinen Kommentar natürlich aber auch absichtlich mißverstehen, indem er/sie ihn nicht komplett liest bzw. verstehen will.