Ein Piraten-Teddy beim Parteitag im Mai 2013 ©Daniel Karmann/dpa

Am 13. Februar posieren zwei Frauen mit nacktem Oberkörper, gereckten Fäusten und vermummten Gesichtern vor der Semperoper in Dresden. Thanks Bomber Harris steht auf Brüsten und Bauch der einen. Der britische Kommandeur Arthur Harris hatte das Flächenbombardement der Stadt in den letzten Monaten des zweiten Weltkriegs befohlen. Den alliierten dafür zu danken, dass sie Deutschland bombardiert haben, ist bei radikaleren Linken beliebt, von anderen wird es als Verhöhnung der Opfer verstanden. Ein bisschen Antifa und ein bisschen Femen war die Aktion – und ein bisschen piratig. Eine der beteiligten Frauen macht in Berlin Politik für die Piratenpartei. In den folgenden zwei Wochen hat die Aktion eine beispiellose Kettenreaktion ausgelöst, die zusammen mit anderen eskalierenden chronischen Problemen die einst hoffnungsvolle Partei an den Rand ihrer Existenz getrieben hat.

Wenn eine Partei sich unter dem Brennglas öffentlicher Aufmerksamkeit und im Kampf um Macht zerstreitet, ist das ein politisches Versagen. Wenn sie sich nach ihrem Absturz, wenn niemand mehr etwas von ihnen erwartet und keine Wahl sie unter Druck setzt, weiter selbst zerlegt und auflöst: dann ist das ein Offenbarungseid. Es zeigt, dass die Piratenpartei in ihrer bisherigen Form nicht überlebensfähig ist. 

Am 17. Februar berichtete der Berliner Kurier, dass es sich bei einer der Nacktaktivistinnen um Anne Helm handelt. Sie ist Mitglied der Bezirksversammlung Neukölln, auf Listenplatz fünf bei der anstehenden Europawahl und für Asylpolitik zuständig. Helm bestritt noch eine Woche lang ihre Beteiligung an der Dresdner Aktion, was alles noch schlimmer machte, weil sie es dann doch noch zugab.

Die linke Aktion Helms ist für die Partei so fatal, weil sie an all den Dingen rührt, die die Piraten sowieso schon belasten: Die vermeintliche Dominanz der Linken stört den liberaleren Flügel schon seit Langem. Beim Parteitag im vergangen November kam es zum Streit, weil ein Mitglied eine Antifa-Fahne aufgehängt hatte. Helm kommt außerdem aus Berlin, "die Berliner" sind vielen Piraten wegen ihres vermeintlich eigenmächtigen Auftretens sowieso verhasst. 

Sofort forderten Parteimitglieder Helm zum Austritt auf. Als sie nicht reagierte und sich auch Bundes- und Landesvorstand nicht von ihr distanzierten, wurde es richtig hässlich. Von einer MLPD 2.0 (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) war die Rede, von Stalinismus, und Helm selbst bekam zusätzlich zu Drohungen von Nazis den geballten Hass ihrer Parteifreunde bei Facebook, Twitter und per Mail ab. Eine Seite mit dem Titel "Stadtverbot für Anne Helm" hat mittlerweile mehr als 10.000 Anhänger.

Zwei Tage später veröffentlichte der Bundesvorstand eine Stellungnahme, in der er sich von der Aktion distanziert, aber keinerlei Konsequenzen ankündigt. Zusätzlich schrieb Helm ein Statement, sie wolle "die Gelegenheit nutzen, den politischen Kontext ins richtige Licht zu rücken". Ohne sich selbst dazu zu bekennen, schrieb sie: "Den alliierten Streitkräften zu danken, die das Nazi-Regime besiegten, sehe ich nicht als falsch an." Ihr Berliner Landesverband stellte sich hinter sie und beschuldigte die Neuköllner CDU, eine Kampagne gegen Helm zu fahren. Was, unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht, nichts mit der Wut in der eigenen Partei auf die Aktion zu tun hat.