Am 13. Februar posieren zwei Frauen mit nacktem Oberkörper, gereckten Fäusten und vermummten Gesichtern vor der Semperoper in Dresden. Thanks Bomber Harris steht auf Brüsten und Bauch der einen. Der britische Kommandeur Arthur Harris hatte das Flächenbombardement der Stadt in den letzten Monaten des zweiten Weltkriegs befohlen. Den alliierten dafür zu danken, dass sie Deutschland bombardiert haben, ist bei radikaleren Linken beliebt, von anderen wird es als Verhöhnung der Opfer verstanden. Ein bisschen Antifa und ein bisschen Femen war die Aktion – und ein bisschen piratig. Eine der beteiligten Frauen macht in Berlin Politik für die Piratenpartei. In den folgenden zwei Wochen hat die Aktion eine beispiellose Kettenreaktion ausgelöst, die zusammen mit anderen eskalierenden chronischen Problemen die einst hoffnungsvolle Partei an den Rand ihrer Existenz getrieben hat.

Wenn eine Partei sich unter dem Brennglas öffentlicher Aufmerksamkeit und im Kampf um Macht zerstreitet, ist das ein politisches Versagen. Wenn sie sich nach ihrem Absturz, wenn niemand mehr etwas von ihnen erwartet und keine Wahl sie unter Druck setzt, weiter selbst zerlegt und auflöst: dann ist das ein Offenbarungseid. Es zeigt, dass die Piratenpartei in ihrer bisherigen Form nicht überlebensfähig ist. 

Am 17. Februar berichtete der Berliner Kurier, dass es sich bei einer der Nacktaktivistinnen um Anne Helm handelt. Sie ist Mitglied der Bezirksversammlung Neukölln, auf Listenplatz fünf bei der anstehenden Europawahl und für Asylpolitik zuständig. Helm bestritt noch eine Woche lang ihre Beteiligung an der Dresdner Aktion, was alles noch schlimmer machte, weil sie es dann doch noch zugab.

Die linke Aktion Helms ist für die Partei so fatal, weil sie an all den Dingen rührt, die die Piraten sowieso schon belasten: Die vermeintliche Dominanz der Linken stört den liberaleren Flügel schon seit Langem. Beim Parteitag im vergangen November kam es zum Streit, weil ein Mitglied eine Antifa-Fahne aufgehängt hatte. Helm kommt außerdem aus Berlin, "die Berliner" sind vielen Piraten wegen ihres vermeintlich eigenmächtigen Auftretens sowieso verhasst. 

Sofort forderten Parteimitglieder Helm zum Austritt auf. Als sie nicht reagierte und sich auch Bundes- und Landesvorstand nicht von ihr distanzierten, wurde es richtig hässlich. Von einer MLPD 2.0 (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands) war die Rede, von Stalinismus, und Helm selbst bekam zusätzlich zu Drohungen von Nazis den geballten Hass ihrer Parteifreunde bei Facebook, Twitter und per Mail ab. Eine Seite mit dem Titel "Stadtverbot für Anne Helm" hat mittlerweile mehr als 10.000 Anhänger.

Zwei Tage später veröffentlichte der Bundesvorstand eine Stellungnahme, in der er sich von der Aktion distanziert, aber keinerlei Konsequenzen ankündigt. Zusätzlich schrieb Helm ein Statement, sie wolle "die Gelegenheit nutzen, den politischen Kontext ins richtige Licht zu rücken". Ohne sich selbst dazu zu bekennen, schrieb sie: "Den alliierten Streitkräften zu danken, die das Nazi-Regime besiegten, sehe ich nicht als falsch an." Ihr Berliner Landesverband stellte sich hinter sie und beschuldigte die Neuköllner CDU, eine Kampagne gegen Helm zu fahren. Was, unabhängig davon, ob es stimmt oder nicht, nichts mit der Wut in der eigenen Partei auf die Aktion zu tun hat.

"Wir hatten einen Deal"

Dann ging es an die Substanz. Für die Partei wichtige Dinge wie das Wiki und die Sprachsoftware Mumble wurden lahmgelegt. Vielen der freiwilligen Helfer, die die technische und organisatorische Infrastruktur der Partei am Laufen halten, traten in den "Orgastreik". Ihre Erklärung: "Wir hatten einen Deal: Wir halten euch den Rücken frei von Verwaltungaskram und ihr macht gute Politik. Dieser Deal wurde einseitig gekündigt."

Gleichzeitig verlassen viele einst wichtige Piraten die Partei. Manche leise, andere laut. Schon Anfang des Jahres verabschiedete sich der Ex-Vorstand Klaus Peukert. Am Tag, an dem das Bombergate startete, trat Mathias Schrade aus, im vergangenen Jahr ebenfalls noch Beisitzer im Vorstand. Dann folgte Sebastian Nerz, einst Parteichef, bis vor wenigen Monaten Vize-Vorsitzender und einer der wichtigsten Vertreter des liberalen Flügels. Schrade und Nerz wollen beide nicht über ihre Austritte reden. Von jenem Bundesvorstand, der die Piraten 2012 und 2013 während der Umfragehochs und im dann folgenden rasanten Absturz repräsentiert hatte, sind damit fast alle abgetaucht. Ex-Chef Bernd Schlömer hat sich noch um die Klage gegen die Dreiprozenthürde bei der Europawahl gekümmert, hält sich sonst aber völlig raus.

Die Hoffnung, dass die Partei sich berappelt, wenn sie erst einmal aus dem Fokus der Medien gerutscht ist, wurde enttäuscht. Stattdessen scheint sie ausgebrannt. Es bleibt das Bild eines zutiefst deprimierenden Soziotops. Am Montagabend trafen sich fast 500 Menschen im Mumble-Forum, um sich stundenlang und ergebnislos mit sich selbst zu beschäftigen. Jeder musste seine Meinung sagen und die Gegenseite zum Rückzug auffordern, und nachts um eins, nach fünf Stunden, waren noch immer Hunderte da, erschöpft und schwer genervt von den jeweils anderen, und doch offensichtlich unfähig, sich auszuklinken.

Am nächsten Morgen dann: #KeinHandschlag. Unter diesem Stichwort erklärten bei Twitter Piraten, dass sie zu keinem Handschlag im Europawahlkampf bereit seien, solange nicht – ja, was eigentlich? Anne Helm austritt? Die Berliner sich entschuldigen? Die Parteiführung zurücktritt? Jeder hat da seine eigene Vorstellung. Sicher ist nur: Nach der Verwaltungsbasis haben sich nun auch Teile der politischen Basis der Partei selbst lahmgelegt. Die Piraten sind zum Stillstand gekommen – weil sie alle Kraft darauf verwenden, haltlos und selbstzerstörerisch um sich selbst zu kreisen.

Strukturen verweigert, Vertrauen zerstört

Sie können sich noch nicht einmal darauf verständigen, was überhaupt die Frage ist, die es zu klären gilt. Geht es darum, welche politische Position man einnimmt, oder geht es darum, ob man überhaupt eine klare politische Position einnimmt? Die liberale Seite empfindet die linken Aktionen als Festlegung auf eine Linie, die sie ablehnen. Sie pochen darauf, dass nur das Bekenntnis zur Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung (FDGO) die Piraten eine. Und dass dieses Bekenntnis durch die Linken verletzt werde. Dafür haben andere nur Spott übrig: Eine Partei ohne klare politische Haltung sei keine ernstzunehmende Partei, sagen sie.

Es gibt, ja es kann in dieser Partei niemanden geben, der die alten Konflikte löst. Weil es dazu Autorität bräuchte und Strukturen, Entscheidungen und Vertrauen. In den mittlerweile acht Jahren seit ihrer Gründung haben die Piraten sich Autorität und Strukturen verweigert, Entscheidungen unmöglich gemacht, und Vertrauen zerstört.

Nun ist alles möglich. Die Partei könnte ausbluten und dann vielleicht völlig neu anfangen. Ein großer Teil ihrer Mitglieder zahlt sowieso keine Beiträge, vielleicht schrumpfen die Piraten ja auf eine gesündere Größe, wenn all die Karteileichen und Frustrierten gehen. Vielleicht spaltet sich die Partei auch in einen linken Flügel und in einen liberalen.

In vier Bundesländern gibt es Piratenfraktionen. Bei der Europawahl im Mai haben sie Chancen auf ein paar Sitze, weil es keine Prozenthürde mehr gibt. Die Umfragen sehen sie bei einem Prozentpunkt. Die Piraten machen noch Politik. Ihre Partei aber ist auf dem besten Weg, sich selbst umzubringen.