Die transatlantischen Beziehungen liegen am Boden, mit jeder weiteren NSA-Enthüllung wächst das Misstrauen. Dass die Bundesregierung jetzt offenbar sogar die Spionageabwehr gegen die USA ausbauen will, wäre vor Kurzem noch undenkbar gewesen – heute fügt es sich ins Bild. Inzwischen mehren sich selbst die Forderungen nach einem offenen Bruch. "Europa muss sich vom amerikanischen Einfluss endlich lösen", hieß es kürzlich auf Focus Online, nachdem die US-Diplomatin Victoria Nuland in einem öffentlich gewordenen Telefongespräch polemisch über die Ukraine-Politik der Europäer hergezogen war ("Fuck the EU").

Die große Obama-Euphorie – sie ist endgültig passé. "Deutschland trifft den SuperStar", hatte der Spiegel noch zu Obamas Berlin-Besuch 2008 getitelt. Und die Bild-Zeitung brachte ein regelrechtes Stoßgebet: "Barack, Obama uns". Heute belegen Umfragen, dass die USA so unbeliebt wie zu Bush-Zeiten sind. Wie konnte das nur geschehen?

Kritiker nennen neben der NSA-Überwachung den Drohnenkrieg der USA sowie Obamas enttäuschende Politik auf allen Ebenen. Das ist nicht falsch – und doch nur die halbe Wahrheit. Denn hinter der Kritik verbirgt sich oft ein tiefsitzender Antiamerikanismus. Dieser war lange kaum sichtbar, aber nie ganz verschwunden. Dank NSA & Co. wird er heute so unverblümt wie lange nicht mehr geäußert.

Beispiel gefällig? Da schreibt Jakob Augstein auf Spiegel Online, die rüpelhafte Äußerung der US-Diplomatin zeige einmal mehr, dass Europa gegenüber den USA gestärkt werden müsse. Dies könne aber nur funktionieren, wenn das Europäische Parlament mehr Macht erhalte. Recht so! Doch dann kommt's. Augstein entwirft sein Wunschbild von Europa nämlich vor der Negativfolie der USA. Dort sei "längst entschieden", wer die Macht habe: "Die wichtigen Weichen werden zwischen Big Money, Big Data und den Big Guns gestellt. Und der Wert eines Rechts entspricht den technologischen Kosten, es zu brechen. Europa hat noch die Wahl, einen anderen Weg zu gehen."

Das ist Antiamerikanismus pur. Denn die Kritik verkehrt sich hier in ein stereotypes Welterklärungsmuster, in dem alles Negative – ob Kapitalmacht, Waffengewalt, Überwachungsstaat oder Rechtsdefizite – auf die USA projiziert wird. Und das nur, um sich eine europäische Identität herbeizufantasieren, die dazu im Gegensatz steht: moralisch höherwertig, gut. Dies ist heuchlerisch. Denn Augstein gesteht ja selbst ein, dass es mit der Demokratie in Europa nicht zum Besten steht.

Zur NSA-Affäre schreibt Augstein, in den USA herrsche ein totalitäres "Regime", das "Anspruch auf totale Kontrolle" erhebe: "Dieses unerwartete Aufblitzen des amerikanischen Imperialismus erinnert uns an die Notwendigkeit Europas." Man müsse "eigene Netzsysteme aufbauen, die sich der amerikanischen Überwachung entziehen." Die Verantwortung der Europäer für die kritisierten Missstände wird hier einfach ausgeblendet.

Dass auch europäische Geheimdienste bei der Massenüberwachung fleißig mitmischen und vom Datenaustausch profitieren, bis hin zum deutschen BND – schon vergessen? Dass Schwarz-Rot nach EU-Vorgabe die Vorratsdatenspeicherung einführen will, die europäische Datenschutzreform dagegen bis heute hinausgezögert wird? All dies spräche dafür, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren. Aber wie bequem ist doch das Täter-Opfer-Schema: Das gesetzlose Amerika zerstört unser feines rechtsstaatliches Europa. Hinter der Forderung nach technologischer Aufrüstung scheint freilich auch der Wunsch auf, im internationalen Machtspiel mit den Amerikanern gleichzuziehen.