Glaubt man den Ausführungen des Chefs des Bundeskriminalamts, so war Deutschlands oberste Polizeibehörde sehr lange ahnungslos darüber, welche politische Sprengkraft die Namensliste hatte, die kanadische Kinderpornografie-Ermittler ihr 2011 zukommen ließ.
800 Namen von Deutschen hätten darauf gestanden, sagte Jörg Ziercke am Mittwoch vor Journalisten. Zuvor war er im Innenausschuss des Bundestags zur Edathy-Affäre befragt worden. 500 der Genannten hätten bei einer kanadischen Firma Material bezogen, bei dem es sich eindeutig um Kinderpornografie handelte. Die übrigen 300 Personen ließen sich Material schicken, das in Deutschland nicht strafbar ist: Aufnahmen nackter Jugendlicher in nicht zu eindeutigen sexuellen Posen. Doch das BKA wartete ein Jahr, bis es die Liste der strafbaren Fälle an die Landeskriminalämter weiterleitete.

Wegen eines anderen großen Ermittlungsverfahrens sei die Behörde sehr belastet gewesen, so Ziercke. Die Kundendaten derjenigen, die Fotos gekauft hatten, die in Deutschland nicht strafbar sind, wurden sogar erst im Oktober 2013 weitergegeben. Solche Kunden seien manchmal auch Konsumenten von Kinderpornografie, sagte der BKA-Chef zur Begründung.

Auf dieser Liste stand auch der Name Edathy. Dass es sich dabei um den Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy handeln könnte, fiel beim BKA zunächst allerdings niemandem auf. "Jeder wurde auf dieser Liste gleich behandelt", sagte Ziercke zur Begründung.

Dabei hätte der Name Edathy bei den Sicherheitsleuten durchaus Assoziationen wecken können. Schließlich hatte sich der SPD-Bundestagsabgeordnete seit 2012 im NSU-Untersuchungsausschuss als harter Aufklärer und schonungsloser Kritiker der Sicherheitsbehörden einen Namen gemacht. Auch BKA-Präsident Ziercke war von Edathy im NSU-Ausschuss vernommen worden. Edathy hatte ihm dabei in scharfem Ton mangelnde Kooperation vorgeworfen.

Über die Landeskriminalämter verteilte sich die Liste schnell und landete – laut Schilderung Zierckes vor dem Innenausschuss – im Oktober 2013 auch im niedersächsischen Nienburg, Edathys Wahlkreis. In der örtlichen Polizeibehörde sei der Name entdeckt worden. Die Information, der SPD-Bundestagsabgeordnete stehe auf der Liste, habe "wie eine Bombe eingeschlagen", referierte die SPD-Abgeordnete Eva Högl nach der Ausschusssitzung Zierckes Aussage.  

Jörg Ziercke bestätigte, seine Behörde sei erst am 15. Oktober aus Nienburg über die brisante Personalie in Kenntnis gesetzt worden. Er habe am folgenden Tag Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Frische informiert. "Dazu bin ich verpflichtet bei Ereignissen, die politische Relevanz haben könnten", sagte der BKA-Chef. Fritsche informierte seinen Chef, den damaligen CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich. Der gab die Information an die SPD weiter. Wiederum einen Tag später rief die SPD beim BKA-Chef an – in Person des damaligen Fraktionsgeschäftsführers Thomas Oppermann. Der wollte sich die Vorwürfe gegen seinen SPD-Parteikollegen Edathy bestätigen lassen.