Die Vize-Chefin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht ©  Jochen Lübke/dpa

ZEIT ONLINE: Frau Wagenknecht, was ist für Sie der größte Vorteil der Europäischen Union?

Sahra Wagenknecht: Nach dem zweiten Weltkrieg hat das vereinigte Europa Frieden gebracht. Aber spätestens seit dem Maastricht- und Lissabon-Vertrag hat sich die Europäische Union in eine Richtung entwickelt, die vor allem die Interessen der großen Unternehmen und Banken bedient.

ZEIT ONLINE: Also sehen Sie keinen Vorteil mehr? Wir können leben und arbeiten wo wir wollen, grenzüberschreitende Freundschaften schließen und Geschäftsbeziehungen pflegen!

Wagenknecht:  Dagegen ist nichts einzuwenden. Man muss nur Regeln schaffen, die verhindern, dass die Marktfreiheiten für Steuer- oder Lohndumping missbraucht werden. Genau das geschieht nämlich. Osteuropäische Arbeitnehmer etwa werden in Deutschland überwiegend zu Niedriglöhnen beschäftigt. Das drückt das gesamte Lohnniveau nach unten und führt zu Ängsten und Abwehrreaktionen. Darauf können dann nationalistische und rechte Gruppierungen ihr Süppchen kochen. Das erleben wir ja europaweit.

ZEIT ONLINE: Deswegen denkt die Linke im Europawahlkampf eher nationalistisch?

Wagenknecht: Es ist nicht nationalistisch, wenn man sich gegen EU-Institutionen wendet, in denen Arbeitnehmer und lokaler Mittelstand keine Lobby haben. Gegen eine Integration, die den Wohlstand der Mehrheit in Europa senkt und überall antieuropäische Ressentiments wachsen lässt. Wir haben 19 Millionen Arbeitslose im Süden Europas und eine desaströse Sparpolitik, für die die Europäische Kommission als Teil der Troika mitverantwortlich ist. Dort werden ganze Länder entmündigt und in den sozialen Abgrund gestürzt. Politiker, die so etwas vertreten, sollten sich nicht Europa-Freunde nennen.

ZEIT ONLINE: Teilen Sie die Meinung Ihres Lebensgefährten Oskar Lafontaine, dass Deutschland aus dem Euro austreten sollte?

Wagenknecht:  Er hat nicht vorgeschlagen, dass Deutschland aus dem Euro austritt, sondern dass ein neues Währungssystem mit stabilen Wechselkursen und Kapitalverkehrskontrollen an die Stelle des Euro tritt. Tatsächlich muss man darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen eine gemeinsame Währung funktioniert. So wie der Euro eingeführt wurde, funktioniert er nicht, sondern spaltet Europa.

ZEIT ONLINE: Was ist die Alternative? Zurück zur D-Mark? Davor warnen Ökonomen.

Wagenknecht: Es gibt auch zahlreiche linke Wissenschaftler, die das anders sehen. Klar ist: Eine Auflösung der Gemeinschaftswährung darf nicht so laufen, dass die Wechselkurse der Spekulation überlassen werden. Es  muss Institutionen geben, die die Wechselkurse auf dem Währungsmarkt stabil halten. Und es braucht Kapitalverkehrskontrollen.

ZEIT ONLINE:  Sie argumentieren ähnlich wie die AfD. Was unterscheidet sie noch von der Partei?

Wagenknecht:  Ich bitte Sie. AfD-Spitzenkandidat Hans Olaf Henkel ist ein neoliberaler Wirtschaftslobbyist, der zeit seines Lebens für niedrige Löhne und Sozialabbau geworben hat. Die AfD will doch kein soziales Europa.

ZEIT ONLINE: Ist die Linkspartei also die AfD für Arme?

Wagenknecht: Unsinn. Auch die Mittelschicht würde von mehr Sozialstaat und einer besseren Lohnentwicklung profitieren.

ZEIT ONLINE: Sie waren von 2004 bis 2009 EU-Abgeordnete. Kann man in Brüssel und Straßburg nichts bewegen?

Wagenknecht: Natürlich ist es wichtig, dass es eine starke linke Stimme im Europäischen Parlament gibt. Aber ich habe in den fünf Jahren natürlich auch erlebt, wie Lobbyismus in Brüssel funktioniert und wie viel Macht er hat. Im EU-Parlament sitzen oft mehr Wirtschaftsvertreter in den Ausschüssen als Parlamentarier. Auch die Richtlinien der EU-Kommission werden zu erheblichen Teilen direkt von Konzernlobbyisten verfasst. Insofern stehe ich seit meiner Zeit in Brüssel der Idee, noch mehr Kompetenzen auf die EU zu verlagern, sehr skeptisch gegenüber.