Wer durch das von Israel besetzte Westjordanland reist, kann leicht israelische Siedlungen und arabischer Dörfer von Weitem unterscheiden. Siedlungen sind der Inbegriff des kleinbürgerlichen Traums vom Häuschen im Grünen: ordentlich angelegte Reihenhäuser mit roten Ziegeldächern. 

Palästinensische Dörfer hingegen wirken eher wie chaotische Konglomerate, die Gebäude sind alle in einem anderen Zustand nicht enden wollender Renovierungsarbeiten. Doch ein weiteres Kennzeichen ist Anlass zahlreicher Debatten: Siedlungen sind voller Bäume und Blumen, während durch die löcherigen Gassen arabischer Ortschaften der Staub weht.

Der Ursprung dieses Unterschieds ist auf den Dächern zu sehen: Auf israelischen Häusern stehen runde, weiße Tonnen – Durchlauferhitzer, die das Wasser mit Solarkraft erhitzen. Auf palästinensischen Dächern sucht man danach vergeblich. Hier sieht man schwarze Plastiktonnen – Wasserspeicher für die Zeit, in denen mal wieder die Versorgung brach liegt: "Jeden Sommer ist es schlimmer als im Vorjahr", sagte Juliert Banura, eine 35 Jahre alte Mutter von Zwillingen aus Beit Jala, einem Vorort der palästinensischen Stadt Bethlehem, im vergangenen Sommer der israelischen Tageszeitung Ha'aretz: "Manchmal haben wir 10, 15 oder 20 Tage kein Wasser, manchmal sogar zwei Monate lang nicht." 

Der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hatte bei seiner heftig umstrittenen Rede in der Knesset folgende Zahlen gebraucht: "Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?" Mit diesen Zahlen zitiert Schulz einen palästinensischen Jungen, der ihn dies in Ramallah gefragt hatte.   

Eines steht außer Zweifel: Aus palästinensischen Wasserhähnen kommt letztendlich weniger Wasser als aus israelischen. Was jedoch der Grund dafür ist und welches Ausmaß das Problem hat, darüber streiten sich Israelis und Palästinenser.

Schätzungen sind oft politisch motiviert

Die Differenz hängt davon ab, welcher Statistik man Glauben schenken will. Wer den Verbrauch pro Person in den besetzten Gebieten errechnen will, muss erst einmal wissen, wie viele Palästinenser dort überhaupt leben. Genau weiß das niemand, Schätzungen sind oft politisch motiviert. So wollen die Palästinenser rund eine Million mehr Bewohner im Westjordanland wissen als Anhänger der Siedler. Und wie viel Wasser nutzt die unbekannte Zahl der Bewohner? Laut einer Studie der Weltbank vom Jahr 2009 standen Palästinensern 2007 rund 123 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung, weitaus mehr als die 17 Liter, von denen Schulz sprach. Auch die UN-Organisation für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) gab den palästinensischen Wasserverbrauch 2012 mit 70 Liter pro Kopf und Tag an. Israelis hatten aber laut beiden Berichten Zugang zu viermal mehr Wasser. Israels Wasserbehörde hantiert mit anderen Daten: Demnach verfügten Palästinenser 2009 über durchschnittlich 95.000 Liter im Jahr, Israelis nur 1,44 Mal so viel.

Das Hauptproblem liegt jedoch außerhalb der großen Städte: 113.000 Palästinenser sind noch immer nicht ans Wassernetz angeschlossen, davon 50.000 in den C-Gebieten – also den Teilen des Westjordanlands, die ausschließlich von Israel kontrolliert werden. Hier nutzen Menschen in manchen Fällen nur etwa 20 Liter am Tag. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ein Minimum von 100 Litern. Um Wasser zu haben, müssen Menschen es hier in Zisternen horten oder im Sommer in Lastern antransportieren. Die ärmsten Palästinenser zahlen deswegen am meisten für Wasser – in manchen Haushalten machen die Kosten 40 Prozent der monatlichen Ausgaben aus.

Tausende illegale Anschlüsse ans Wassernetz

Die Ursachen dieser Diskrepanz sind noch heißer umstritten. So weisen Israelis auf das marode palästinensische Wassernetz hin: Rund ein Drittel des Wassers versickert ungenutzt. Israelis haben viel Wasser, auch weil sie Weltmeister in der Wiederverwertung von Grauwasser sind: Israel nutzt rund 80 Prozent jedes Liters Trinkwasser ein weiteres Mal. Zudem nutzt Israels hochentwickelte Landwirtschaft Tröpfchentechnologie, während Palästinenser ihre Felder noch oft mit Trinkwasser schwemmen. Außerdem entsalzen die Israelis Hunderte Millionen Kubikmeter Meerwasser, Palästinensern steht diese Option nicht offen.

Bis vor wenigen Jahren zahlten Palästinenser zudem nichts für ihr Trinkwasser. Die Kosten wurden von Spendern getragen. Vielerorts gibt es bis heute keine Wasseruhren. So existierte nie der Anreiz, Wasser zu sparen. Wasserdiebstahl ist in palästinensischen Gebieten weit verbreitet: Tausende illegale Anschlüsse ans Wassernetz führen dazu, dass am anderen Ende des Rohrs oft kein Wasser mehr fließt. Überdies ist der Lebensstandard in den Palästinensergebieten erheblich niedriger als in Israel – was ebenfalls zu einem geringeren Konsum beiträgt.