Kinderpornografie. Dieses Wort erregt wie kaum andere Abscheu, Ekel – und Zorn. Täter für immer wegsperren, am besten kastrieren, das sind die wütenden Forderungen, sobald ein Verdacht öffentlich wird. Fast reflexhaft werden schärfere Gesetze gefordert, im aktuellen Fall war es CSU-Vizechef Peter Gauweiler am Montag in der Bild-Zeitung. Und die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will nach dem Fall des zurückgetretenen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy die Regelungen zum Kinder- und Jugendschutz überprüfen. Auch der Kinderschutzbund fordert eine Gesetzesverschärfung: Der Kauf und Verkauf von Fotos mit nackten Kindern sollte generell unter Strafe gestellt werden. In der CDU gibt es ähnliche Überlegungen.

Hat das Strafgesetz tatsächlich blinde Flecken beim Kinderschutz? Anlass der Debatte sind die Bilder und Videos, die Ermittler bei Edathy gefunden haben. Sie lägen im Grenzbereich zur Kinderpornografie, hatte die Staatsanwaltschaft Hannover bekannt gegeben. Konkret geht es um Aufnahmen, die nackte Kinder zwischen 9 und 13 Jahren zeigen, Material der  sogenannten Kategorie 2. Das sind laut Staatsanwaltschaft weniger eindeutige Inhalte, aus Sicht des Bundeskriminalamts nicht indiziertes Material.

Denn nicht jedes Bild eines nackten Kindes ist Pornografie. Das gilt etwa für Bilder von Kindern, die "am Strand nackt Volleyball spielen oder nackt ein Lagerfeuer machen, dann ist das kein Posing und auch nicht strafbar", sagt Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Halle-Wittenberg. Werbung für FKK, wie sie etwa in den zwanziger und dreißiger Jahren verbreitet war, ist ebenfalls keine Straftat – auch wenn Kinder zu sehen sind.

Pornografie setzt keine Berührung voraus

Andererseits bedeutet Kinderpornografie nicht zwangsläufig, dass ein Kind sich unsittlich berührt oder berührt wird. Von Kinderpornografie ist auch die Rede, wenn ein Mädchen oder Junge dazu veranlasst wird, obszöne Stellungen einzunehmen, etwa das Geschlechtsteil zu entblößen, oder wenn ein entwickeltes Mädchen den Oberkörper zeigt – das sogenannte Posing.

Um solche Bilder zu erfassen, wurde im Herbst 2008 ein Paragraf im Strafgesetzbuch etwas umformuliert: Nach der alten Fassung machte sich strafbar, wer ein Kind dazu brachte, sexuelle "Handlungen an sich vorzunehmen". Der Bundesgerichtshof entschied jedoch, dass eine sexuelle Handlung "an sich" eine Berührung des eigenen Körpers voraussetzt. Daraufhin wurden beide Wörter aus dem Gesetzestext gestrichen. Seither steht fest, dass Posing Kinderpornografie ist. Reicht das?

Der Strafrechtler Renzikowski hält die Gesetze in Deutschland nicht für zu lax. Auch Schutzlücken sieht er keine. Den Posing-Begriff auszuweiten, könne problematische Folgen haben, sagt er: "Dann dürfte vielleicht niemand mehr Bilder von nackten Kindern haben, außer es sind die eigenen. Das ist doch unrealistisch." Der Jurist beschreibt einen Fall "knapp unter der Grenze zur Strafbarkeit". Ein Mann sei pädophil veranlagt, könne seine Neigung aber dadurch kompensieren, dass er Bilder von nackten Kindern anschaut, die nichts mit Kinderpornografie zu tun haben. "Solange er keinem Kind etwas antut, hat das Strafrecht da nichts verloren."