Kien Nghi Ha ging mit einem großen Rucksack auf dem Rücken durch ein Ostberliner Kaufhaus, als ihn drei Polizisten stoppten. "Allgemeine Personenkontrolle." Ha wunderte sich, außer ihm wurde niemand kontrolliert. Er fragte nach, die Polizisten drucksten herum. Schließlich, so erzählt er, war klar: Sie hielten ihn für einen Händler illegaler Zigaretten, wegen des Rucksacks. "Eine große Tasche plus asiatisches Aussehen – das ist offenbar genug für einen Verdacht", sagt Ha und bleibt dabei ganz sachlich.

Kien Nghi Ha ist Kulturwissenschaftler und lebt mit seiner Familie im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Er drückt sich gewählt aus. Nur wer genau hinhört, bemerkt die leicht asiatische Melodie seiner Sprache. Nach Berlin kam er 1979 mit sieben Jahren, als Boatpeople waren seine Eltern mit ihm aus Vietnam geflohen. Die Familie hatte zur chinesischen Minderheit des Landes gehört. Über Hongkong kamen sie nach Berlin. Für seine Dissertation hat er den Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien erhalten.

"Asiaten sind sehr fleißig und unauffällig, Musterschüler, die keine Probleme haben und auch keine machen", beschreibt Ha ein in Deutschland gängiges Bild von Menschen, die mit schmalen Augen "irgendwie asiatisch" aussehen – bei einem gigantischen Kontinent wie Asien können selbstverständlich nie alle Menschen gemeint sein. Es gefällt Ha nicht, dass damit zwischen "guten" und "schlechten" Migranten unterschieden wird. Zwischen denen, die sich problemlos integrieren und denen, die in Kriminalitätsstatistiken oder Büchern von Thilo Sarrazin auftauchen.

Schlitzaugen stehen für Hinterhältigkeit

Außerdem gebe es noch eine andere Seite: "In weißen Gesellschaften gilt: Menschen, die ihre Augen zu Schlitzen verziehen, sind hinterhältig." Schlitzaugen seien das ostasiatische Pendant zum beleidigenden Stereotyp einer jüdischen Hakennase, sagt Ha. Deswegen ärgert es ihn, dass an einer Fotowand im Eingangsbereich des Berliner Volkstheaters Heimathafen Neukölln bis vor Kurzem ein Bild hing, auf dem eine blonde Frau in fernöstlich anmutender Umgebung grinsend ihr Gesicht zu einer Schlitzaugen-Grimasse verzog.

Das Foto entdeckte im Januar eine Besucherin und beschwerte sich. "Uns war nicht klar, dass es verletzend wirken könnte. Es hing da schon etwa zweieinhalb Jahre zwischen vielen anderen, es hat sich nie jemand daran gestört", sagt Heimathafen-Geschäftsführerin Stefanie Aehnelt. Das Haus sammelt seit mehreren Jahren Fotos, die Menschen in Neukölln-T-Shirts in verschiedenen Ländern von sich machen, eine Art Image-Kampagne für den kulturell durchmischten Berliner Stadtteil. "Auf die Beschwerde hin haben wir uns bei der Besucherin entschuldigt und das Bild abgenommen", sagt Aehnelt.

Den Unterzeichnern eines offenen Briefes mit dem Titel Wir sind keine Schlitzaugen, der seit einigen Tagen im Netz kursiert, reicht das nicht. Sie fordern eine öffentliche Entschuldigung. "Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland ein Bewusstsein dafür entsteht, dass solche Gesten respektlos sind", sagt die Sinologin Kimiko Suda, Co-Leiterin des Asian Film Festival Berlin. 

Wie häufig asiatisch aussehende Menschen in Deutschland Diskriminierungen ausgesetzt sind, lässt sich nicht ermitteln. Auch fremdenfeindliche Gewalttaten schlüsselt der Verfassungsschutzbericht nicht nach den Herkunftsländern der Opfer auf. Kien Nghi Ha glaubt, dass sie öffentlich weniger Beachtung finden, da die "asiatische Community" schlechter vernetzt sei als andere Gruppen und nicht mit einer Stimme spreche.