Eigentlich würde Hermann Behrendt gerne das Parlament abschaffen, aber das ist jetzt egal, denn jetzt wird es ihm doch zu undemokratisch. "Es hat autokratische Züge, wie die Satzung geändert werden soll", sagt der weißhaarige Mann im schwarzen Dreiteiler, "das befremdet mich." Da ruft der Saal der AfD-Mitglieder "Bravo!", viele springen auf von ihren Stühlen, und vorne auf dem Podium sitzt still Parteichef Bernd Lucke und muss seine Niederlage hinnehmen.

Der zweite Bundesparteitag der Alternative für Deutschland in Erfurt beginnt mit einem Korb für den großen Vorsitzenden. Lucke wollte die Partei so umbauen, dass vor allem einer mehr Macht hat: Lucke selbst. Der entsprechende Satzungsentwurf sorgt seit Wochen für Diskussionen, zuletzt wurde er vergangene Woche noch einmal entschärft. Nun soll er diskutiert und abgestimmt werden. Doch Hermann Behrendt hat mit seinem direkten Angriff auf die Parteiführung den Bann gebrochen. Kurz darauf schmeißt der Parteitag die Satzungsdiskussion von der Tagesordnung.

Seit knapp einem Jahr steht die AfD auf der politischen Bühne. Bis zur Bundestagswahl im vergangenen September ist es ihr gelungen, internen Streit weitgehend zu verhindern. Dann folgten die ersten Scharmützel in Landesverbänden, nun ist die Bundespartei dran. Sie kämpft zu Beginn ihres Treffens vor allem mit sich selbst. Wie jede junge Partei muss sie sich finden, muss sich über Strukturen und Hierarchien klar werden, über den Ton, den sie nach außen anschlagen will und auch über den Ton, in dem sie mit sich selbst streiten will. Das erinnert tatsächlich, auch wenn sich die politischen  Gemeinsamkeiten sonst in Grenzen halten, an die Piratenpartei.

"Der Lucke soll das nicht allein entscheiden!"

Am Morgen, es geht eigentlich nur um die Wahl des Versammlungsleiters, liefern sich die 1.054 Parteimitglieder bereits einen heißblütigen Kampf um Geschäftsordnungsanträge und Abstimmungsverfahren. Soll das einer allein machen oder doch drei? Oder vielleicht fünf? Und was ist dann mit dem Tagungspräsidium, ist das dann überflüssig? Irgendwann haben alle den Überblick verloren, einer stellt den Antrag, alle bisherigen Anträge zu löschen, "niemand von uns weiß mehr, was vorliegt", und die Mehrheit stimmt erleichtert zu. Nach einer halben Stunde beginnt der Parteitag von vorne.

Diese unvermeidlichen Scharmützel der noch unerfahrenen Partei sind zum einen deshalb interessant, weil darin die Wut vieler Mitglieder auf die Parteispitze deutlich wird. "Der Lucke soll das nicht allein entscheiden!" ruft einer im Saal. Zum anderen wird in diesem Streit deutlich, dass die AfD sich genau mit der gleichen Logik intern bekämpft, die sie auch gegen ihre politischen Gegner einsetzt: Wer nicht auf meiner Seite ist, will einfach die Fakten nicht sehen. Als "Volkspartei des gesunden Menschenverstandes" bewirbt Lucke die AfD später. Das klingt gut, denn wer würde schon dem gesunden Menschenverstand widersprechen? Letztlich führen gefällige Floskeln wie diese aber dazu, dass nicht mit echten Argumenten, sondern mit vermeintlich unumstößlichen Wahrheiten gestritten wird. Viele AfD-ler beanspruchen für ihre Positionen jene Alternativlosigkeit, die sie der Politik der "Altparteien" vorwerfen.