Die Kanzlerin hat recht: Putin "lebt in einer anderen Welt". Nicht in einer Wahnwelt, sondern in der des 18. und 19. Jahrhunderts. In der war Macht gleich Besitz – und Krieg um diese oder jene Provinz, um Meerengen und Handelsrouten die ständige Begleitmusik.

Wladimir Putin hat sich verhalten wie die Potentaten von gestern und vorgestern. Er hat sich eine alte russische Provinz gegriffen, die einer seiner Vorgänger – Nikita Chruschtschow – in einem Anfall von Geistesabwesenheit vor genau 60 Jahren an die Ukraine verschenkt hatte. Anders als beim Alten Fritz, der sein ganzes Leben lang um Schlesien kämpfen musste, lief Putins Krieg schnell und effizient ab – kaum Opfer, kaum Risiken. Und ohne die Intervention anderer Großmächte, die früher entweder den Status quo ante oder Kompensation gefordert hätten.

Was hat Putin davon gehabt? Nüchtern betrachtet eine ganze Menge. Erstens hat er die Krim wieder, einen kostbaren Flottenstützpunkt im Schwarzen Meer, deren Pacht 2017 abgelaufen wäre. Der wird nun garantiert von der Ukraine verlängert werden. Oder Russland annektiert die Krim. Krieg würde es deswegen nicht geben. Die Nato ist zu weit weg, der weit unterlegenen Ukraine fehlt die Kampfkraft.

Zweitens hat Putin die russische Mehrheit auf der Krim (60 Prozent) sozusagen heimgeholt. Das ist eine nützliche Warnung an andere ex-sowjetische Staaten – vorweg an Lettland mit rund 30 Prozent Russen –, doch künftig sehr nett mit ihrer russischen Bevölkerung umzugehen. Drittens die süßeste Frucht von allen: Wer wie Putin gezeigt hat, dass er rücksichtslos zu den Waffen greifen werde, muss nicht mehr in der Ost-Ukraine einfallen, ein einstiges russisches Kernland. Macht ist, wenn man nicht drohen muss, und wer immer demnächst in Kiew herrscht, wird sehr respektvoll nach Moskau blicken.

Die nächste Regierung wird nicht mehr mit der EU-Assoziierung spielen, und sie wird im Land auch keine blütenweiße Demokratie errichten. Für die Putinokratie war der Maidan ein Gräuel, von wo aus nun schon mit Janukowitsch zum zweiten Mal ein russlandtreuer Autokrat vertrieben wurde. Eine echte Demokratie in der Ukraine wäre die schlimmste Bedrohung für den neuen Zaren im Kreml – ein Funke, der auf Russland überspringen könnte. Nach der Devise: Wenn die Ukrainer Demokratie können, mit denen wir ethnisch und kulturell so eng verwandt sind, können wir Russen es auch. Putin muss freilich nicht gegen die Demokraten intervenieren; nach der Krim weiß die Ukraine, was ihr blühen würde.

Die Bilanz des Kurzkrieges ist also aus Putins Sicht eine sehr erfreuliche. Zudem kann er sich an der Hilflosigkeit und Uneinigkeit des Westens erfreuen. Und den Russlandverstehern lauschen, die von Märkten, Investitionen und historischen Besitzständen plaudern. Etwa: "Wir müssen akzeptieren, dass Moskau sich einen Teil dessen zurückholt, was es nach der Niederlage im Kalten Krieg verloren hat."

Wer nüchtern kalkuliert, wird einsehen, dass der Westen weit weg sowie unfähig ist, zu eskalieren. Putin hat ein Meisterstück der Machtpolitik abgeliefert. Triff den Gegner, wo er schwach ist, nimm nicht zu viel und bleibe unterhalb der Schwelle der Provokation.

Was der Westen trotzdem tun kann? Er könnte Putin an seiner Eitelkeit packen. Dieses Russland möchte nämlich nicht nur groß und stark sein, sondern auch respektiert werden – eine echte Großmacht eben, die überall mitmischt und -redet. Solche Foren könnte der Westen Putin verweigern. Keine G 8 mehr, keine Aufnahme in die OECD, den Club der Industrieländer. Technologiehilfe scharf rationieren, westliche Investitionen bremsen. Weniger Reisevisa für russische Offizielle, keine Studienplätze für die Kinder der Oligarchen, denen man zugleich die Kapitalflucht nach London, Zypern und in die Schweiz unmöglich machen könnte.

Und all das gepaart mit der Botschaft: Zeigt Moskau Verantwortung, fallen die Sanktionen wieder weg. Also klassische Diplomatie: Anreiz und Ausschluss.      

Ob das nur Nadelstiche sind, die eher ärgern als anspornen? Möglich, aber business as usual wäre auch nicht Staatskunst vom Feinsten. Putin lebt zwar im Zeitalter der Machtpolitik, aber sein Land ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, wiewohl mit reichlichen Rückschlägen. Also könnte derlei Diplomatie erzieherisch wirken.

Putins Russland hat 50 Milliarden Dollar für das Sotschi-Spektakel ausgeworfen, um sich Respekt zu erkaufen. Wenn er spürt, dass der Goodwill per du ist, wird er der Welt ein anderes Gesicht zeigen wollen als die Visage von Iwan dem Schrecklichen oder Josef Stalin.