Eigentlich ist alles wie immer. Draußen vor dem NPD-Tagungsort lärmen wütende Bürger und die Antifa. Drinnen lümmeln ordentlich frisierte junge Herren mit bösem Blick auf Bierbänken, Kisten mit leeren Kartoffelsuppe-Dosen werden vorbeigetragen. Zwei Männer mit Trommeln treten auf. Doch irgendetwas ist anders, bei dieser Veranstaltung der Jungen Nationaldemokraten (JN) im thüringischen Kirchheim. "Europa-Kongress" steht in großen Lettern auf der Bühne. Das "O" ist dargestellt durch eine Fackel, deren Flamme einem nach rechts gekämmten Seitenscheitel nahe kommt. Und Achtung: Olaf Rose, nach Udo Voigt Nummer zwei auf der Liste der NPD zur Europawahl, will seine Rede an diesem Tag auch auf Englisch halten. Rose möchte von seinen Gäste verstanden werden: zwei Dutzend junge Rechtspopulisten aus mehreren europäischen Ländern und noch ein paar Dutzend hiesige Nationalisten sind der Einladung der Jung-Nazis gefolgt.

Es ist ein Dilemma für die Rechtsextremisten: Da schafft es die kleine NPD nach Jahren mal einen europäischen Kongress auf die Beine zu stellen. Es gelingt aber nur, die Jugendvertreter meist kleiner rechter Splitterparteien ins Boot zu holen. Und so versammelt sich im Hotel zum romantischen Fachwerkhof an diesem Samstag Mitte März die in jeder Hinsicht zweite Garnitur der europäischen Rechten. Die Partei National Orientierter Schweizer kommt und nicht die an der Regierung beteiligte SVP. Jugendvertreter der 0,01-Prozent-Partei der Schweden erscheinen statt Mitglieder der mit 5,7 Prozent bei den Nationalwahlen viel stärkeren nationalistischen Schwedendemokraten. Weiter findet man junge Aktivisten der Mini-Rechts-Partei der Dänen statt der einst an der Regierung beteiligten ebenfalls stramm rechten Dänischen Volkspartei.   

Im Hotel redet sich Rose warm vor den europäischen Rechtspopulisten, wettert über eine angeblich "gleichgeschaltete Medienlandschaft", eine "Androgenisierung der Geschlechter", echauffiert sich über eine vorgebliche "schleichende Überfremdung". Soweit nichts Neues. Dann ändert sich sein Duktus plötzlich: "Wir sind alle überzeugte Europäer", ruft er den "Kameraden" entgegen. Man sei stolz auf die "kulturelle und geistige Vielfalt in Europa". 

Roses NPD hat nämlich ein klares Ziel vor Augen: die Europawahlen im Mai. Man hoffe mit zwei Vertretern ins EU-Parlament einzuziehen, erklärt der NPD-Politiker im Anschluss. Durch die Abschaffung der Drei-Prozent-Hürde ist jeder deutschen Partei in etwa ein Abgeordneter pro Prozent Wählerstimmen sicher. In den Umfragen liegt die NPD zwischen einem und zwei Prozent. Die Gedankenspiele der Partei sind also nicht unrealistisch. "Wir wollen", verrät Rose, "in Brüssel in das zweite Bündnis der nationalen Kräfte".

Das zweite nationale Bündnis

Große nationalistische Parteien aus der EU habe man zur JN-Konferenz gar nicht erst eingeladen, sagt der exakt gescheitelte JN-Sprecher Michael Schäfer. Schließlich hätten die ihre nationalistische Koalition für das Europaparlament bereits geschmiedet. Mit Marine Le Pens Front National und Gert Wilders Partij voor de Vrijheid planen die ultrarechten Schwergewichte innerhalb der EU bereits eine Koalition. Dabei sind beispielsweise auch die FPÖ aus Österreich, Vlaams Belang aus Belgien und die italienischen Lega Nord – draußen bleiben noch weiter rechts angesiedelte Parteien wie die NPD.

Was mit dem "zweiten nationalen Bündnis" gemeint ist, weiß Nick Griffin, der ebenfalls zur Konferenz des NPD-Nachwuchses eingeladen ist. Der Vorsitzende der British National Party erreichte zweifelhaften Ruhm durch seinen Vorschlag, auf Europa zusteuernde Flüchtlingsboote "einfach zu versenken". Als Europaabgeordneter bemüht er sich schon lange im EU-Parlament eine Koalition aus Parteien rechts von Front National und Partij voor de Vrijheid zu schmieden. Abgeordnete aus sieben Ländern braucht man, um im Parlament einen Zusammenschluss zu bilden. "Mit der NPD habe ich schon acht", sagt der britische Nationalist ZEIT ONLINE.

40.000 Euro pro NPD-EU-Abgeordneten

 "Welche Partei ist zu extrem und welche ist annehmbar?", fragt sich Griffin laut und erklärt dann seine ganz eigene Logik: "Wenn die Deutschen eine Partei ins Parlament wählen, ist sie für uns annehmbar." Idealerweise, so Griffin weiter, würde diese ganze EU nicht existieren. "Wenn die Steuerzahler aber schon einmal beraubt wurden, dann können auch wir davon profitieren." Und dann rechnet er vor, warum er gerne zwei NPD-Abgeordnete in seine Koalition aufnehmen würde: "Jeder von ihnen ist 40.000 Euro EU-Zuschüsse wert." Doch auch die NPD-Kontakte scheinen ihm nützlich. Es wirkt kurios, auf der Konferenz bayrische NPDler zu beobachten, die an gleichgesinnte Tschechen Handzettel für Rechtsrock-Konzerte ausgeben, mit der Bitte, diese "unter den Kameraden zu verteilen". Die NPD, die seit Jahren Angst vor Kriminellen aus Osteuropa schürt, pflegt nämlich Umgang mit tschechischen Nationalisten, die sich bisher für keine der beiden Rechts-Koalitionen im EU-Parlament entschieden haben.  

Ob Griffins Ultra-Rechts-Koalition tatsächlich zustande kommt, ist jedoch noch offen. Einer der potentiellen Partner, die griechische Neo-Nazi-Partei "Goldene Morgenröte", wird die Beteiligung an einer "kriminellen Vereinigung" vorgeworfen und mit Verbot gedroht. Bei den Vorwürfen geht es unter anderem um Mord und Gewalt an Ausländern. Auch zur NPD-Konferenz konnten Parteivertreter deswegen  nicht kommen. Den EU-Kandidaten Rose stören solche krassen Anschuldigungen nicht. Mit dem Beitritt in Griffins fragwürdige Koalition wolle die NPD eine "Stabilisierung der Verhältnisse" erreichen, die Partei hoffe so dem eigenen "Verbotsverfahren entgegenzuwirken". Roses Traum erscheint gefährlich real.