Aus der Zeit des Mauerfalls blieb eine Karikatur im Gedächtnis stecken. Zwei Männer unterhalten sich an der Bar, und der eine hebt sein Glas: "Die Partei hat sich aufgelöst." Der andere nickt: "Die Partei hat immer recht." Heute, ein Vierteljahrhundert später, gibt es weder SED noch KPdSU, aber die alten Reflexe sind geblieben, wie die prorussischen Sprüche der Linken zur Ukraine beweisen.

Als Hammer und Sichel noch wehten, haben die kommunistischen Parteien mit ihrer verlässlichen Apologetik jede Wende des großen Bruders nachvollzogen: den stalinistischen Terror der dreißiger Jahre, den Hitler-Stalin-Pakt, den Umsturz in Prag und Warschau in den Vierzigern und dann wieder die Entspannungspolitik der siebziger Jahre. So läuft es auch heute zwischen der deutschen Linken und dem Kreml-Staatskapitalismus, den "links" zu nennen, ein Doppelsalto des Agitprop wäre. 

Sahra Wagenknecht, Vizechefin der Partei, ist die Beste in der Riege der Russlandverehrer. Zitat: "Eine Putschregierung, der Neofaschisten und Antisemiten angehören, kommt mit dem Segen von Merkel und Steinmeier ins Amt, das Verhältnis zu Russland hat sich dramatisch verschlechtert, in der Region droht ein Bürgerkrieg, die US-Diplomatie reibt sich die Hände." Dann der Seitenhieb auf den Uralt-Feind SPD: "Selbst der duldsamste SPD-Wähler" könne "im Kurs der GroKo nicht die Tradition Willy Brandts erkennen."

Knopfdruck-Reaktionen sind Klassiker der Aufmerksamkeitsökonomie. Folglich das Echo aus dem Zentralrat der Juden, wo Präsident Dieter Graumann die Melodie allerdings sehr viel vorsichtiger spielt: "Rassismus und Antisemitismus in der Ukraine dürfen nun nicht etwa salonfähig werden." Wie Verteidigungsreden, auch die von Gregor Gysi, klingt die Sprachregelung, die von Putin bis zum russischen UN-Botschafter Vitali Jurkin läuft.

"Rassismus" und "Antisemitismus" sind heute die schärfsten Waffen im Propagandakrieg, weil sie ebenso mächtige wie richtige Emotionen wecken. Aber Russland als Lordsiegelbewahrer des Antirassismus? Ein Land, das über hundert Nationalitäten herrscht, das den Pogrom erfunden hat und dessen Judenheit von drei Millionen durch Flucht und Auswanderung auf eine knappe halbe geschmolzen ist? Ein guter Witz, wenn nicht die Geschichte der Juden unter den Zaren und ihren Nachfolgern so grausam gewesen wäre.

Die Menschen, die monatelang auf dem Maidan einem diktatorischen Regime und seinen schwerbewaffneten Bütteln getrotzt haben – eine Bande von Killern und Faschisten? Natürlich sind solche hässlichen Figuren auf den Demokratie-Zug aufgesprungen (und in Russland noch leichter zu finden). Doch mit Einzelbeispielen das Ganze zu diffamieren, wie es Wagenknecht und die Stichwort-Geber im Kreml tun, ist der älteste Trick des Agitprop. Ein Schuss Angostura im Cocktail machte aus diesem kein Bitterwasser; er ist immer noch ein Süßgetränk. Jedenfalls, so ein Bericht der FAS, stehe die Mehrheit der jüdisch-ukrainischen Gemeinde "eindeutig" hinter der neuen Regierung und gegen die russischen Invasoren.

Es geht aber in der Aufmerksamkeitsökonomie nicht um analysieren, sondern um diskreditieren. Haben wir dem Gegner erst die Maske des Biedermanns vom Gesicht gerissen, können wir Logik und Fakten, Ursachen und Wirkungen ignorieren. Dann wird eine Volkserhebung zum "Putsch", wie Wagenknecht die Vorgabe aus dem Kreml nachspricht; dann ist die (bislang noch milde) Reaktion des Westens schuld an der "dramatischen Verschlechterung" des Verhältnisses zu Moskau. Umgekehrt wird es richtig: Der russische Gewalteinsatz sowie die De-facto-Annexion der Krim, die durch das Kreml-gesteuerte Referendum am Sonntag bestätigt wurde, erklärt den Krisenausbruch.

Die unverbrüchliche Treue der Linken zu Moskau ist bizarr. Haben Wagenknecht und Freunde noch nicht gemerkt, dass die KPdSU vor 24 Jahren aufgelöst wurde? Dass Putin in der autoritären Tradition der Zaren steht? Dass Territorialraub seit einem halben Jahrhundert in Europa out ist?

Die Ukraine-Krise hat plötzlich alte Gewissheiten ausgehebelt und neue Hoffnungen verdunkelt. Die SPD wird mit dieser Linkspartei kein Rot-Rot-Bündnis eingehen können.