In Sitzungen des Bundesrates in Berlin ist Applaus unüblich, Zwischenrufe sind im Gegensatz zum Bundestag oder den Länderparlamenten verpönt. Selten passiert hinter dem mächtigen Säulenportal an der Leipziger Straße wirklich Spannendes, Entscheidungen sind meist gut vorbereitet – viele Ergebnisse vorhersehbar.

Was sie im Plenum nicht unbedingt am Rednerpult vortragen müssen, gaben die Mitglieder bisher als Schriftstück zu Protokoll. So blieben die Sitzungen der Länderkammer stets im Zeitplan.

Bis zum Freitag. Denn der Bundesrat hat seinen bisher stark konservativen Webauftritt runderneuert: Großflächige Fotos lenken den Blick, Textblöcke auf transparentem Grund führen durch die Seiten und führen in die Sitzungsthemen ein (Youtube-Präsentation hier).

Auf offenbar besonderes Interesse stößt unter den Plenarteilnehmern dabei die neue Mediathek: Sitzungen werden neuerdings nicht nur live im Netz übertragen, sondern einzelne Redebeiträge sind ab sofort noch während der Sitzung als Video abspielbar. Der Bundesrat hat dafür extra ein Team aus drei Mitarbeitern gebildet, die die Aufnahmen der Saalkamera zurechtschneiden und per Upload auf Bundesrat.de anbieten. Wer will, kann die Clips jetzt leicht auf Twitter oder Facebook weiterverbreiten oder in die eigene Website einbetten. 

Unter den Mitgliedern der zweiten Parlamentskammer löste die Bewegtbild-Offensive einen Run auf das Rednerpult aus: "Die Redeanmeldungen sind stark gestiegen", sagt eine Mitarbeiterin der Pressestelle. In der vergangenen Sitzung im Februar seien noch deutlich mehr Debattenbeiträge auf direktem Wege ins Protokoll gegangen. Jetzt aber strebten die Länderminister danach, ihre Texte auch vorzutragen, mutmaßt ein Beteiligter. Deutschlands ranghöchster Liberaler, Sachsens Vizeregierungschef und Wirtschaftsminister Sven Morlok, trat am Freitag gleich dreimal ans Mikrofon, ebenso der SPD-Justizressortchef von NRW, Thomas Kutschatky.

Die neue Eitelkeit sprengt nun die Tagesordnung, denn Reden braucht Zeit. Die Sitzung zog sich bis in den Nachmittag hin. Minister mussten Anschlusstermine verschieben, der Beginn des Wochenendes verzögerte sich. Nicht jeder ist davon rundweg begeistert, wie Reaktionen zeigen.

"Der direkte politische Austausch ist wichtig und spannend", sagt Heike Taubert, Sozialministerin in Thüringen, die heute eine Länderinitiative zu Ost-West-Unterschieden bei der geplanten Mütterrente präsentierte. "Es ist richtig, dass Reden auch gehalten werden und nicht nur zu Protokoll gegeben." Doch, so mahnt die an Effizienz gewöhnte Sozialdemokratin im Gespräch mit ZEIT ONLINE, man müsse unterscheiden: "Nicht jedes Thema ist so von öffentlichem Interesse, dass es einer eigenen Rede bedarf."