Ein prorussischer Demonstrant hinter einer Barrikade in Donetsk © Konstantin Chernichkin/Reuters

Es wird langsam unangenehm, über Putin und die Ukraine zu diskutieren. Je näher die Krise heranrückt, desto polarisierender wird der Ton in den neuen deutschen Debattenlagern. 

Bernd Ulrich hat vor einigen Tagen aufgeschrieben, auf welchen Gefühlen der Kriegstreiber-Vorwurf beruht, dem zurzeit jeder ausgesetzt ist, der sich für eine scharfe Reaktion des Westens gegen Putin ausspricht. Auch die Kommentare unter Ulrichs Text zeigen, wie wohl die meisten Bürger diese Schärfe einstufen: als reine Propaganda.

Die Mehrheit der Deutschen mag nicht mehr an eine moralische Überlegenheit des Westens glauben, viele stellen auch Augenscheinlichkeiten wie den Expansionsdrang Putins grundsätzlich infrage. Dahinter verbirgt sich manchmal nicht mehr nur gesundes Misstrauen, sondern die Attitüde des einzig wahrhaft Aufgeklärten. Man kann auf AfD-Parteitagen beobachten, wie besoffen dieses Gefühl machen kann.           

Doch was Ulrich nicht erwähnt: Auf der anderen Seite sieht es nicht viel besser aus. Das Wort Putinversteher ist als Negativbegriff in den Medien schon etabliert – eine diskursfeindliche Vereinfachung, die jeden diffamiert, der nicht ohne Weiteres die Geschichte von Putins Masterplan kaufen mag. Der rhetorische Kollateralschaden ist, dass der sinnvolle Versuch, Russlands Motive zu erkennen, gleich als Ganzes mitblamiert wird.    

Darf man noch fragen, ob tatsächlich Ostukrainer an den Protesten von Donezk oder Luhansk beteiligt sind, wie es die Russen behaupten? Oder unterstützt man damit schon Putins Expansionspläne?   

Bist Du für Putin?

Schärfe gegen Russland und Verständnis für Russland – beides wird inzwischen pathologisiert, einer Schublade der verborgenen, sinistren Interessen zugeordnet. Es ist kaum noch möglich, eine Ansicht zur Ukraine zu artikulieren, ohne sich im Lager der Kriegstreiber oder der Putinversteher wiederzufinden. Und auch die dümmste Frage ist längst aufgekommen: Bist Du für den Westen oder für Putin? Der Tod jeder Diskussion.

Es gibt einen unersetzlichen und strategisch entscheidenden Rohstoff, über den der Westen verfügt und Russland nicht: Die Kraft der freien Debatte. Auch, wenn viele Bürger das nicht glauben mögen: Die einzige Meinung, für die man hier im Knast landet, ist die Leugnung des Holocaust. Alles andere findet sich in irgendwelchen Blogs, wird irgendwo publiziert und durchstritten.

Eine solche Öffentlichkeit kann sich nur selbst abschaffen – durch Denkverbote, durch polarisierende Zuordnungen, die jede Debatte verunmöglichen. Wie das geht, konnte man an der US-Presse vor dem Einmarsch in den Irak 2003 beobachten. Heute ist Ungarn auf dem besten Wege, sich selbstständig in einen Meinungskorridor zu zwängen. Orbáns Gesetze hätten aber nie funktioniert ohne ein gesellschaftliches Klima des Misstrauens und der Unterstellungen gegen Banker, Politiker, Industrielle, Journalisten.

In der Ukraine-Krise erstickt die Hysterie schon jetzt den Austausch von Argumenten. Was, wenn russische Truppen tatsächlich in die Ostukraine einmarschieren? Was, wenn die ukrainische Regierung die Nerven verliert und einen Krieg auslöst? Es wäre eine Katastrophe für Zehntausende, ein Desaster für das Verhältnis Europas und Russlands. Und es wäre eine Reifeprüfung für die deutsche Öffentlichkeit. Man muss hoffen, dass uns das erspart bleibt.