Einen wahrhaft europäischen Europawahlkampf wagt nur eine deutsche Partei. Der Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten ist fast omnipräsent: Hundertfach porträtiert und interviewt, lächelt Martin Schulz seit einigen Tagen den Deutschen von riesigen Europawahl-Plakaten entgegen. Die anderen europäischen Spitzenkandidaten sucht man dort noch vergebens. 

Die Europaliebe der SPD ist allerdings einem Sonderfall geschuldet: Schulz ist nicht nur Spitzenkandidat der deutschen Partei, sondern aller europäischen Sozialdemokraten und außerdem Europaparlamentspräsident. Deshalb wagt seine Partei den bislang europäischsten aller Europawahlkämpfe, mit viel Schulz und ein bisschen Inhalt.

Die SPD profitiert von einer Premiere: Erstmals treten die europäischen Parteifamilien bei der Europawahl mit gemeinsamen Spitzenkandidaten an. Der Sieger hat gute Aussichten, nächster Präsident der EU-Kommission zu werden. Eine klare personelle Entscheidung – das ist gut für die Mobilisierung. So lässt sich leichter vermitteln, zuspitzen, verkaufen. Es klingt ein bisschen nach Kanzleramt, nach Macht.

Verantwortlich für den Wahlkampf der SPD ist der erfahrene Stratege Matthias Machnig. Die Kampagne werde "proeuropäisch, aber europapolitisch nicht naiv" ausgerichtet sein, sagt er. Schulz wird präsentiert als ein Überzeugungseuropäer, der nicht das Einigungsprojekt, wohl aber die Funktionsweise der Institutionen infrage stellt. Thematisch hält sich die SPD ansonsten zurück und setzt auf inhaltliche Allgemeinplätze wie "Ein Europa der Menschen" oder ein "Ein Europa des Wachstums". Das könnte auch von der CDU stammen.

Wegen der Mehrheitsverhältnisse im Parlament ist die Europawahl faktisch ein Duell der großen Parteien: Schulz gegen Jean-Claude Juncker, ehemals Euro-Gruppenchef und Premier in Luxemburg, der für Europas Konservative antritt. Nach ihrem mageren Ergebnis von 20,8 Prozent 2009 hofft die SPD mit diesem Duell auf eine größere Mobilisierung ihrer Wähler. "Starke Figuren führen dazu, dass das Interesse an einer Wahl wächst. Das ist gut", sagt Machnig. 

Die SPD investiert rund zehn Millionen Euro in ihre Kampagne. Es gibt Flyer und anderes Infomaterial von Schulz in anderen Sprachen. Mehrere Auftritte sind in den europäischen Metropolen geplant.  

CDU kopiert Bundestagswahlkampf

Komplett anders hält es die CDU. Sie ignoriert ihren europäischen Spitzenkandidaten völlig. Ihr Zugpferd ist die Kanzlerin: Mit Merkel sicher durch die Krise, lautet das Motto der CDU. Was bei der Bundestagswahl gut funktioniert hat, soll auch den Sieg in Europa sichern. Obwohl die Kanzlerin überhaupt nicht zu wählen ist, dominiert sie den Europawahlkampf, auch optisch. McAllister solle "in einer späteren Phase" plakatiert werden, heißt es aus der CDU. Dass Merkel die starke Frau in Europa ist, hat sie Schulz und Juncker bereits spüren lassen. Es gebe "keinen Automatismus", der die Kür des Wahlsiegers zum Kommissionspräsidenten vorsieht, ließ die Kanzlerin verlauten. Sie selbst entscheidet, was in Europa passiert, lautet die Botschaft dahinter.

Inhaltlich setzen CDU und CSU auf ein Bekenntnis zu Europa, aber auch das ist nicht unkritisch. Angestrebt wird ein "besseres Europa", wie es CSU-Chef Horst Seehofer nennt. Reglementierung, Bürokratie und Zentralismus – das sind die Bilder, mit denen sich die CSU vom derzeitigen Europa abzugrenzen versucht. Traditionell greift die CSU Brüssel wesentlich schärfer an, wohl auch, um der europakritischen AfD Potenzial abzugraben. "Getrennt marschieren, vereint schlagen", sagt man dazu bei der CDU. 

Grüne gehen eigenen Weg

Die Grünen haben ihren Versuch, einen vorbildlich transeuropäischen Wahlkampf zu machen, verschämt von der Tagesordnung genommen. Zu schlecht war die Erfahrung, zu gering die Resonanz, die sie bei einer Online-Abstimmung über die beiden Spitzenkandidaten gemacht haben.

Eigentlich verfügen sie über den gleichen Ausgangsbonus wie die SPD: Mit Ska Keller ist eine Deutsche europäische Spitzenkandidatin, doch im hiesigen Wahlkampf spielt Keller kaum eine Rolle. Die 32-Jährige soll ihr soziales Politik-Profil lieber in den südlichen Ländern Europas an die Wähler bringen, ist zu hören. Dort allerdings haben die grünen Parteien ziemlich wenig zu sagen. Im deutschen Wahlkampf gibt die Urgrüne Rebecca Harms den Ton an, gemeinsam mit dem linken Finanzexperten Sven Giegold. Inhaltlich konzentrieren sich die deutschen Grünen auf bewährte Themen: Atomkraft, Soziales, die Bewahrung der Natur. Auf Merkel-Bashing verzichtet die Partei diesmal weitgehend.